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Montag, 29. August 2022

(ausserdem im august)

Der Sommer war sehr groß, kann man wohl sagen - angesichts der Trockenheit und Hitze auch ein Anlass, mich lesetechnisch mit mehr politischem Klimawandel-Kram einzudecken. Den acker ich dann aber erst durch, sobald das Wetter wieder regnerischer wird. Und im Anschluß teile ich schließlich der Welt mit, was wir jetzt tun sollten!


Zwischen Freibad und Biergarten war dann auch nur Platz für wenige Ausflüge in die Welt der leichten bis ganz leichten Muse: Lewis Trondheims Herr Hases Hases haarsträubende Abenteuer Band 8 zum Beispiel - Die Farbe der Hölle. Eine tolle, federleichte, irgendwie sehr offene Comic-Erzählung über schräge Typen, verbissene Aktivisten und Liebesbeziehungen, die unverhofft zu eng werden. Durch mein unchronologisches Lesen bin ich ja leider schon gespoilert, dass Nadja und Herr Hase sich trennen werden. Gar nicht gut für meine romantschen Nerven.

Comics, Comics, Comics: Hammerharte Horror-Schocker #65 bringt den Schleim zurück, wie schon im Vorgängerband ist die zweite Story besser als die Titelgeschichte: Der Todesengel von Luxor von Michael Musal und Nina Beier hat eine tragische Wendung und fängt aufs Herrlichste das nostalgische BASTEI-Gespenstergeschichten Feeling ein. Seltsam? Aber so steht es geschrieben.... - Der Haken ist der vorletzte Band von Regis Loisels famoser Peter-Pan-Adaption und haut kurz vorm Grande Finale noch ne steile These raus: Ist gar Hook der Vater des Jungen, der nicht erwachsen werden wollte? - Und in Something Is Killing The Children Band #22 und #24 bekommt es Erica mit Intrigen im eigenen Haus sowie mit einem Gestaltwandler zu tun, der sein Maul im Magen hat. Fies. 

Eher überflüssig fand ich dagegen "I can't relax" von Anja Kümmel und Jenny Schäfer, erschienen bei SuKuLTuR, wo es irgendwie um Überwachungstechnologie und so gehen soll. In dem performativ-akademisch-selbstverliebten Textgeblubber verbirgt sich bei näherem Hinsehen nicht ein einziger aufregender Gedanke, aber dafür viel Blabla, das die Bubble ja so mag. Zum Glück gibt es noch Maddrax, und mit Band 444 - Das Pulsarium servierte Oliver Fröhlich schon 2017 eine für 2022 sehr zeitgemäße Fantasygeschichte - Energieverschwendung, Gier, Krise, Sparzwang ... - eingebettet in ein herrlisch trashiges Setting mit Eremit und Monsterhummern. Geil. Genauso wie das Interview mit der Co-Autorin Madleine Puljic, die ich für ihren PR-Roman Feind der Harthäuter sehr schätze.

Sonntag, 12. Juni 2022

Parole "Big Sur" - Abtauchen '22 mit Jack Kerouac (und anderen)

Da ist sie also wieder: Eine gewisse Erschöpfung, gepaart mit dem vielbeschworenen, aber branchenüblichen Arsch voll Arbeit kurz vor der Sommerpause. Zeit, abzutauchen. Ein paar Wochen Frankreich sind gebucht, der Wohnwagen muss noch vom Stellplatz gezogen werden und offenbart hoffentlich einen nicht allzu reparaturbedürftigen Zustand. Lang nicht gesehene Freunde haben sich gemeldet und wollen in den kommenden Wochen "endlich mal wieder" grillen, chillen, schwimmen, wandern, radfahren, Lagerfeuer machen. Angeln auch, also noch aufs Amt, Schein verlängern. Ich bezweifle, dass ich diesbezüglich noch viel draufhabe. Festivalsaison steht auch an: Ruhr Reggae Summer ist auf jeden Fall auf dem Zettel, vielleicht auch spontan das Herzberg, mit New Model Army als Headliner. Iron Maiden in Köln, mit zwei Jahren Verspätung. In der Hoffnung, dass Corona uns weiterhin in Ruhe lässt und die Spritpreise nicht noch weiter steigen, starte ich auf Maloche meinen Endspurt und schicke mein kleines Freizeitprojekt, dieses Online-Lesetagebuch nämlich, bis zum Ende der NRW-Ferien auf die Hängematte.

Und stelle im Geiste schonmal meine Ferienlektüren zusammen. Zuvörderst die halbgelesenen, dann aber eingeschlafenen Bücher. Mit Big Sur, dem Spätwerk von Jack Kerouac, hatte ich mir viel vorgenommen, nämlich auf Englisch lesen. Das Buch ist klasse: Der wichtigste aller Beatpoeten ist Ü40, körperlich desolat, und will von Nightlife, Trampen und Drogen eigentlich nix mehr wissen. Doch seine Fanbase ist groß und bedrängt ihn penetrant. Jack zieht sich in die Wildnis zurück, wo ihn sowohl ergreifende Naturerlebnisse als auch quälende Entzugserscheinungen erwarten. In einer lyrischen Sprache verfasst, reich an mir Slang und mir unbekannte Vokabeln, ist das Ding nicht leicht gefallen, und ich habe es nur bis zur Mitte geschafft. Die zweite Hälfte kommt jetzt dran! Außerdem der vierte Teil von 2666, dem Opus Magnum von Roberto Bolagno. Ein Tal der Tränen und zäh wie Hosenleder; doch alle sagen, dass es sich am Ende doch lohnt und der fünfte Teil dann wieder so geil ist wie die ersten drei. Darüber hinaus kommen noch David Graebers posthumes Anfänge - Eine neue Geschichte der Menscheheit, die Kurzgeschichtenbände Das zweite Phantastikum und Zeit der Feuerernte ins Gepäck.

Bevor ich dann den Stapel ungelesener Bücher angehe. Ich hatte mich mit Lockdown und Kurzarbeit auf ein ziemlich nassforsches Lesetempo eingetunt, dass ich nun nicht mehr halten kann. Wenn ich dem jetzigen Tempo weitermache, brauche ich vor Jahresende kein Buch mehr anzuschaffen, erst dann ist der Mahnende Meter abgearbeitet. Da freue ich mich ganz besonders auf Ina Elbrachts Todesengel und Das Tor von Basma Abdel Aziz.

Ich bedanke mich bei euch allen, die ihr diesen kleinen Blog tatsächlich lest! Hey, ihr seid nicht wahnsinnig viele. Aber ihr seid mir ein reines Vergnügen. Habt allesamt einen schönen Sommer, Leute!

Dienstag, 3. Mai 2022

(ausserdem im april)

Klar kannste sagen, was kaufste auch so einen Franchise-Blödsinn? Panini-Comics gibt eine Reihe von Comics heraus, die im Stranger-Things-Universum spielen. Und auch dass ich die dritte Staffel im Gegensatz zu 1+2 nicht so gut fand, hat mich nicht davon abgehalten, mir Erica die Große von Danny Lore, Greg Pak und Zeichnungen von Valeria Favoccia zu kaufen - ich mochte die Figur der vorlauten  kleinen Schwester von Lucas Sinclair. Bekommen habe ich das Musterbeispiel einer lieblosen Auftragsarbeit. Eine uninspirierte Story, absolut frei von Mistery-Elementen, unterkomplex wie ein Knax-Heft, voller Girly-Klischees. Schade um die 13 Euro. Dann doch lieber nen echten Klassiker: Dead Zone- Das Attentat gehört zu den Romanen, die ich seinerzeit in meiner harten Stephen-King-Phase nicht gelesen, jetzt aber aus einem öffentlichen Bücherschrank gefischt habe. 1979 geschrieben, zeigt das Werk Mr. Kings (fast) ganze Meisterschaft: Ein langsamer, aber hochspannender Aufbau. Interessante Figuren mit Wiedererkennungswert und beklemmend dichter Psychologie. Sein Thema, im weitesten Sinne Hellseherei, entwickeltet sich von einem persönlichen Schicksal hin zu einer politischen Entscheidung, eingebettet in eine hochpolitisierte Zeiterzählung. Plötzlich geht es um Tyrannenmord und seine ethischen Implikationen. Hier wird das Buch im letzten Drittel zwar etwas langatmig, versöhnt aber mit einem tollen Ende.

Mit Batmans Schönheit - Chengs letzter Fall  von Heinrich Steinfest ist mir der vorläufige Abschluss einer Krimireihe über den Weg gelaufen. Vorläufig, weil es wohl mittlerweile einen fünften Fall gibt, was den hier letzten Fall zum vierten macht. Mit Krimis hab ich es nicht allzu sehr, aber was mich hier bei der Stange gehalten hat, waren die Spachlust des Autors und die zahlreichen voll zitierfähigen Bonmots über meinen eigenen Berufsstand: Die Opfer eines Serienkillers sind Schauspieler/innen aus dem theaterverliebten Wien. Eine Vergangenheit, die nur teilweise seine ist, holt Ex-Privatdetektiv Cheng ein, allein die Rückblende wäre als Novelle ein Fünf-Sterne-Read für sich. Später wird es aber ziemlich Meta, da haben Kenner der Reihe sicher mehr davon. Doch dass der erste Band der Cheng-Reihe, erschienen bei einem "großen Verlag für kleine Bücher" (mit Zinne!) Erwähnung findet, macht mich neugierig genug, mir das Ding antiquarisch zu besorgen.

Bleibt noch jener Berliner Aktivist mit dem netten Pseudonym Kristjan Knall, der die Republik permanent mit ellenlangen ebooks überzieht, teil kostenlos. So wie dieses: Transhumanismus - ein Survival Guide ist eine extrem polemische Abrechnung mit irgendwie so links-alternativen technikskeptischen Bullerbü-Positionen, also so ungefähr meiner. Sehr unterhaltsam, teils tatsächlich bedenkenswert, ausnahmsweise mal eine linke statt eine kapitalismusunkritische Sicht auf das komplexe Thema Transhumanistische Mythologie. Ernährungstipps für ein langes Leben, möglichst bis zum Erreichen von Ray Kurzweils Singularität, stehen auch drin, wie nett.Ob Knall den Quatsch wirklich glaubt, den er Seite um Seite da aufs Unterhaltsamste rausballert, ist mir im Grunde wurscht. Ich, so als Individuum, sterbe einfach irgendwann, und es wird köstlich gewesen sein.




Donnerstag, 31. März 2022

Adam Hülseweh: Klunga und die Ghule von Köln

 
Illustration von Daniel Bechtold.
 

Nachkriegsarchitektur. Gerne Sichtbeton, Brutalismus – kennt gut, wer in Städten aufwuchs, die es im Krieg arg erwischt hat. Die Ruhr-Uni Bochum zum Beispiel, an der ich mich einst ein paar Semester rumgetrieben habe, ist ein wahres Schuckstück dieser Zeit. In Köln, wie ich nun gelernt habe, ist die Riphahn-Oper, nach ihrem Architekten benannt, ein solches Bauwerk. Von einigen heiß geliebt, von vielen gehasst, sollte dieser nicht wirklich pittoresk zu nennende Bau vor geraumer Zeit abgerissen und durch einen Neubau des Opernhauses ersetzt werden, was wohl billiger als eine Sanierung gekommen wäre. Mittweile haben Umbau und Begleitkosten mit einer Milliarde Euro schon das Vierfache der ursprünglich veranschlagten Summe verschlungen. Warum Köln trotzdem an der Sanierung festhält? Weil es neben der üblichen Bürgerinitiative auch andere, verborgene Kräfte im Untergrund der Stadt gibt, denen der Erhalt des Gebäudes am langsam schlagenden Herzen liegt. Sie haben gute Gründe.

Düsseldorf ist nominell zwar die Hauptstadt NRWs. Außer ein paar Schnöseln vom Niederrhein aber und den Düsseldorfern selbst mag die Medienstadt um die Kö herum eigentlich keiner so recht, und wer Düsseldorfer Boden betritt, tut dies meist nur, um von dort aus woanders hinzufliegen. Wie anders hingegen die Nachbarmetropole, die auch im fernen Ostwestfalen-Lippe noch gemocht wird, wenn auch am wenigsten ihres Bieres wegen! Die Kulturszene Kölns ist vielfältig und bodenständig, eine sichtbare Queer-Culture bildet mit dem sehr liberalen Rheinischen Katholizismus und karnevalesker Gemütlichkeit ein einzigartiges atmosphärisches Gemisch, die Sehenswürdigkeiten sind tatsächlich sehenswert und Verdamp lang her mag auch jeder. Möglich, dass der hier ansässige WDR durch die mediale Dauerpräsenz, die er seiner Heimatstadt angedeihen läßt, landesweit für diese fast amerikaneske Kulturhegemonie sorgt – aber wir wissen trotzdem längst nicht alles über die die fast 2000 Jahre alte Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Die einst römische Kolonie war nämlich auch schon immer Hauptstadt der Ghule, jener Untoten mit dem extrem langsamen Metabolismus. Anders als bei H.P. Lovecraft oder Geisterjäger John Sinclair sind Ghule im echten Leben aber ruhige und unaufgeregte Langzeitgenossen – wären da nicht die Vampire, die in der Domstadt einst aus einem dekadenten Mithraskult hervorgeganen sind. Sie sind den Ghulen körperlich haushoch überlegen und nähren ihre Unsterblichkeit ausgerechnet von diesen so gar nicht unsympathischen Leichenfressern, die sie in dauernder Knechtschaft halten. Und ausrechnet die vom Abriss bedrohte Riphahn-Oper ist nicht nicht nur Symbol des siegreichen Widerstandes über die blutsaugenden Unterdrücker, sondern seit ihrem Bau zu Nachkriegszeiten auch ein ganz realer Grabstein, an den man besser nicht rühren sollte.

Weder bin ich ein besonderer Fan von Lokal-Romanen noch von dem Genre Urban Fantasy – außer Neil Geimans Niemalsland mochte ich noch so hundertprozentig nix, was ich unter diesem Etikett verkauft bekommen habe. Und hätte auf Klunga und die Ghule von Köln nicht der Name Adam Hülseweh gestanden, wäre dieser hübsche 350-Seiten-Roman sicher an mir vorbeigegangen. Adam Hülseweh ist ein Pseudonym, hinter dem sich Ina Elbracht gemeinsam mit dem Historiker Alexander Schmalz vebirgt. Und wie erwartet, hat Frau Elbracht in ihrem unverwechselbaren Stil einen gleichermaßen witzigen wie verrückten, bizarren und gelegentlich verstörend brutalen Roman über den Kampf der Ghule um ihre Freiheit, den Kampf der Bürger/innen um ihre Oper und den schnöseligen Tristan um seine gefühlsverwirrte Julia geschrieben. Randvoll mit reichlich Historie vom Zenturio bis Adenauer, mit Lebenswegen von Guhlen und Menschen durch die Jahrhunderte und skurrilem Personal, laufen alle Fäden bei Klunga, jenem freundlichen, etwas verschrobenen Ghul von nebenan zusammen. Und Fäden gibt es viele; so viele, dass ich wie so oft bei Geschichten von Ina Elbracht staunen muss, wie das am Ende doch noch zu einer runden Sache wird: Songtexte, Kulturwissen, Anekdötchen, Alltagsleben, handfester Horror und ironischer Witz ergeben hier einen anregenden Roman voller Leben, Menschlichkeit und Phantasie, der mich lachend und staunend zurückläßt. Illustriert hat das Buch Daniel Bechtold, dessen morbide und detailgenaue Tuschezeichnungen nicht zum ersten Mal aufs Vortrefflichste mit Ina Elbrachts Sparchlust harmonieren.

Bleibt nur noch die Frage: Hätte diese einzigartige Mischung auch in Düsseldorf funktioniert? Keine Ahnung. An der Ruhr-Uni ganz sicher. Auch dort lebt bestimmt eine Kolonie von Troglodyten unterm Beton – eine neue Lieblingsspezies in den unendlichem Weiten der Phantastischen Literatur.

(ausserdem im märz)

Wie ein glückliches Trüffelschwein fühle ich mich, wenn ich in irgendeiner Nische eine Autorin, einen Kleinverlag, einen Künstler oder sonst ein nettes Projekt entdeckt habe, dass mein Leben ein bisschen reicher macht. So in diesem Monat das Literaturblatt Handjob, Ausgaben 1 und 2 - nicht mehr als ein beidseitig bedrucktes A3, zum Pocketformat gefaltet - ein Medi&Zini für Lesefreaks und eine echte Alternative zum Timelinescrollen an der Bushaltestelle. Hoffentlich setzten Lina Thiede und Julia Pfeifer diese Publikation fort! Meine Lieblinge bis hierher: Die Gedichte Mannmannmannheim und Über den Kopf sowie die Short Story Abbe.

Verflucht! - das zweite von Herrn Hases Haarsträubenden Abenteuern (Lewis Trondheim) ist ein schön schräger Gegenentwurf zum LTB. Jahrzehnte zu spät von mir entdeckt, werde ich garantiert noch mehr aus der Comicreihe lesen, wie ich es mit Weissblechs Horror-Schockern regelmäßig tue. Die zu Monatsbeginn erschienene Nummer 63 hat mit der Titelstory Von Aliens entführt einen surrealen Trip im Angebot, und auch die beiden anderen Stories wissen zu gefallen.

Auch trashig, aber leider nicht so richtig geil ist der 89. Band der BASTEI Heftchenreihe Gespenster-Krimi. Minni Kromer, eine junge Autorin, gibt sich hier die Ehre - ich hätte mir den Band wohl nicht gekauft, wäre ihr Name nicht beim letzten Maddrax-Online-Stammtisch gedroppt worden. Eine Neue im Autorenteam? Eher ein Gerücht, aber sollte es so kommen, wäre sie mir natürlich aufs Herzlichste willkommen! Schreiben kann sie flüssig und gut, und wer Angst vor Klischees hat, ist beim Heftroman eh nicht richtig aufgehoben. Und so eine schöne Prämisse hatte Zahn um Zahn! Zahnwechsel im Kinderheim - wer Nachwuchs hat oder anderer Leute Nachwuchs pädagogisch betreut, weiss um die Bedeutsamheit dieser Phase im Leben eines kleinen Menschen. Stolz, Angst, Eigensinn, Selbstständigkeit, Verunsicherung, Trotz - der Zahnwechsel markiert das Ende des ersten Jahrsiebts, wie Anthroposoph/innen es recht zutreffend beschreiben. Dieses körperliche Ereignis, eine kleine Pubertät, Aufhänger für eine gute Horrorstory sein zu lassen: Eine tolle Idee von Minnie Kromer! Das Ding fängt auch locker und unterhaltsam an, bietet zunächst mit einem Veganrestaurant einen humorträchtigen Schauplatz und sympathisches Personal auf, versandet dann aber in einer recht belanglosen Geister-und- Besessenheitsgeschichte. Schade - das maximal geschmacklose Cover aber wurde vom Larry-Brent-Heft Atomgespenster (Nr.106) recycelt und ist denn doch ein versöhnender Bad-Taste-Höhepunkt.

Kein Bad Taste, sondern so richtig Literaturliteratur und trotzdem gut: Die Anomalie von Hervè Tellier. Ein Interkontinentalflug landet am JFK. Das Flugzeug hat unterwegs heftige Turbulenzen durchgemacht. Monate später landet es erneut: Derselbe Flieger, dieselben Passagiere. Alle sind sie nun doppelt: Die schwangere Anwältin, der Killer, der Popstar ... Ein Fall für den Geheimdienst, das FBI und das streng geheime Protokoll 42, das eigentlich nur als Nerd-Scherz von Wissenschaftler/innen gemeint war. Telliér spielt mit Motiven der Spannungs- und Trivialliteratur und überführt sie in ein seltsames Gesellschaftspanorama: Ich bin doppelt. Was fange ichbloß mit mir an? Dazu eine extrem lesenswerte Spekulation über Realität und Simulation und, was das Beste ist: Der Autor ist sich nicht zu fein, eine tatsächlich spannende Story zu plotten. Jetzt schon ein Höhepunkt des Lesejahres 2022, da bin ich mir sicher.

Donnerstag, 3. März 2022

(ausserdem im januar/februar)

Heinrich Heine hat zeitlebens mit seinem unvollendeten Versepos Atta Troll gehadert. Zu recht, wie ich finde, denn die Story um den gleichnamigen entlaufenen Tanzbären ist, trotz einiger gelungener Passagen, viel zu fahrig erzählt, um ein großer Wurf zu sein. Wie etwa Deutschland, ein Wintermärchen, in das ich bei der Gelegenheit auch nochmal reingeschaut habe.

Ansonsten war der Winter eher wölfisch statt bärig. Jetzt, wo der Frühling mit Macht losbricht und der Wladi-Adi sein Nachbarland mit einem erschreckenden Krieg überzieht, muten meine Jahresbeginn-Lektüren schon wie Erinnerungen aus ferner Vergangenheit an. Wolfsherz von Wolfgang Hohlbein, der 76. Lichtwolf mit dem Thema Mein und Sein und die vierte Ausgabe meines WeißblechComics-Trashvergnügens Luba Wolfsschwanz - 3 gute Gründe, den Mond anzuheulen. Zuerst also die Wolfsschwänzin, Tochter der Tundra. Gewohnt blut-und brustbetont wagt sich Eckart Breitschuh an den Auftakt eines Abenteuers, das die Rachedurstige ins verschneite Hochland führt. Sie begegnet einer Schamanin, nimmt gemeinsam mit ihrer viel zu dünn angezogenen Gefährtin Avari eine keltanische Geisel und gerät schließlich in einen Population fleischfessender Affen, die von Luba aber per Schwerthieb dezimiert. Inklusive Cliffhanger - und somit eine Premiere im Wolfschwanz-Wunderland: Das Schneeabenteuer wird erst im nächsten Heft sein Ende finden und erstreckt sich somit auf mehr als nur 2 Episoden. Mein 💓 Philo-Fanzine Lichtwolf  beendet in diesem Jahr die zweite Dekade seines Erscheinens und weiß (mich) diesmal vor allem mit den Artikeln Alles Lüge! Oder fast, Weil Sie nicht da waren und Die einfachste Handlung zu begeistern. Also einem abwägenden Blick auf Verschwörungstheorien, einem Reisebericht in die norddeutsche Provinz und einer Betrachtung über Amok. Sagt das was über mich aus? Dass ich den Essay Das Sein bestimmt das Mein von Elisa Nowak vor mir herschiebe weil wegen zu schwer, sagt zumindest was aus über meine akdemische Bildung: Im Argen. Und dann dem Hohlbein sein Buch, aus nem Umsonst-Bücherschrank geklaubt. Ein Werwolfsgeschichte von 1996. Da war auch Krieg in Europa, und das Ding spielt auch in Ex-Jugoslawien. Sehr spannend, trotz vorhersehbaren Plottings und deutlich zu vielen Balkan-Klischees.

Wie man den Mond, den verschwundenen, nach Hause holt - das werde ich wohl erst im dritten Teil von N.K. Jeminsins Broken-Earth-Trilogie erfahren. Den werde ich ganz sicher lesen, aber ich werde mir Zeit lassen. Denn Brennender Fels, Teil 2 und Nachfolger von Zerrissene Erde war eine ziemlich anstrengende Lektüre. Das liegt an Jemesins Schreibstil, der konsequenten Nutzung der zweiten Person, der fragmentarischen Erzählweise, die ständiges Mitdenken und hohe Lesekonzentration erfordert. Die Belohnung ist eine intensive Geschichte um Schuld, Rache, Väter, Mütter, Tradtion, Zwang, Krieg, Liebe und Tod - allerdings eine, die ein wenig auf der Stelle trat. Viel ist nicht passiert, und doch ist viel passiert. Essun und Nassun, Mutter und Tochter, stehen sich am Ende in verfeindeten Lagern gegenüber. Sie haben viel, alles Notwendige, begriffen über ihre orogenische Magie, über ihre Herkunft, über ihre Macht. Jetzt muss es eigentlich knallen in Teil 3, oder?

Ganz easy -Sinn der Sache- war dagegen die Professor-Zamorra-Episode Wiegenlied für die Titaten von Groschenheft-Vielschreiber Ian Rolf Hill. Der wirklich hübschen Grundidee, dass sich im Kopf eines im Koma liegenden Zauberschülers ein Horrorfilm der alten Schule - Kampf der Titanen - abspielt und sich in dieser unwirklichen Dimension wirkliches Schicksal entscheidet, konnte ich ein unterhaltsames Lesestündchen abgewinnen. Wirklich begeistern konnte mich das Heft am Ende aber nicht, trotz persönlicher Empfehlung. Vom selben Empfehler, vom selben Autor: Der Graue Mann aus Basteis UFO-Reihe liegt jetzt auf meinem Stapel. Wie es war, schreibe ich an selber Stelle Ende März ......


Montag, 21. Februar 2022

Wie Klein-Erica gelernt hat, was es heute braucht

Eisner-Award, ein erstes Spin-off namens House of Slaughter und eine angekündigte Netflix-Verfilmung, die laut Hollywood Reporter unter der Regie von Mike Flanigan entstehen soll: Something is killing The Children, die 2019 kurz vor Pandemieausbruch debütierte Comicserie von James Tynion IV (Text) und Werther Dell'edera (Zeichnungen), ist eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Noch beeindruckender, wenn man sich vor Augen führt, daß die Handlung zwar durchaus spannend erzählt ist, aber wenig Originelles bietet: Nur Kinder können jene gefräßigen Monster sehen, die von latenter gesellschftlicher Angst an die Ränder menschlicher Siedlungen gelockt werden. In instinktgetriebener Brutalität metzteln sie ihre menschliche Beute und verschleppen die Kleinsten in ihre Höhlen im Wald. Die Jägerinnen und Jäger dieser Kreaturen, die an Mischwesen aus Heuschrecken und Skorpione erinnern, sind ebenfalls keine Sympathieträger. In ihrem Saint-George-Geheimorden herrschen überdies rauhe Sitten.

Zu Jahresbeginn ist der vierte Sammelband erschienen, der die Einzelhefte 16 bis 20 vereint und erstmals in bester Origin-Manier die Vorgeschichte von Erica Slaughter beleuchtet, die die Leserschaft im abgeschlossenen, 15 Ausgaben umfassenden Auftakt kennenlernen durfte. Sie wird von ihrer künftigen Mentorin, im Blut sitzend, aufgefunden. Ihre Eltern und ihre beste Freundin sind tot – doch der Kadaver des Untiers, das sie auf dem Gewissen hat, geht auf ihre Rechnung. Und weil die empathielose Erica ein besonderes Talent zur Jägerin zeigt, ist sie im Orden genau richtig. Saint George will dieses blonde, scheinbar kaltblütige Mädchen unbedingt haben – die Probe zur Aufnehme in den Orden aber ist ein Spiel auf Leben und Tod...

Also alles bekannte Versatzstücke, zu teenagertauglichem Horror montiert. Wenn eine TV-Bearbeitung die eigentliche Faszination der Serie einfangen will, wird eine seichte Verfilmung á la Locke & Key zwangsläufig scheitern müssen. Denn in erster Linie sind es die Zeichnungen von James Tynion IV sowie die expressive Farbgebung von Miquel Muerto, die dem eigentümliche Reiz von SIKTC zu Grunde liegt. Zwar ohne allzu experimentell mit sämtlichen Konventionen zu brechen, sind die Episoden so rau und atemlos gezeichnet, als säßen Tynion seine Kreaturen höchstselbst im Nacken. Manchmal hastig hinschraffiert, dann großflächig blutbespritzt, verbreiten auch auch die detailreicheren Panels jederzeit einen Sog, als bliebe keine Zeit mehr: Zu groß ist die Bedrohung.

Zunächst nur als Import zu haben, ist eine deutsche Übertragung bei SPLITTER für Juni 2022 angekündigt.

 Die Vorgänger-Bände:

Bei Phantastik-News:  https://phantastiknews.de/index.php/rezensionen/21912-something-is-killing-the-children-1-bis-3-comic

1 - https://buecherbums.blogspot.com/2020/12/scheitern-und-verstehen.html

2 - https://buecherbums.blogspot.com/2021/02/something-is-killing-children-vol-ii.html

3 - https://buecherbums.blogspot.com/2021/08/grins-sommerferien.html

Freitag, 28. Januar 2022

Triple-Trash aus dem Weißblech Wonderland

 

Immer wieder schön, wenn ich mir einmal im Quartal meine Lieferung Trash aus dem Comic-Laden abhole. Wobei "Trash" im Grunde eine zu despektierliche Wortwahl ist für das, was Levin Kurio mit seinem kleinen feinen Weissblech-Verlag für die Pflege einer Heftchenkultur leistet, die spätestens mit der Einstellung von BASTEIs "Seltsam? Aber so steht es geschrieben...." - GespensterGeschichten untergegangen zu sein schien. 

Das ambitionierte Projekt "Die Nacht der reitenden Leichen" nach dem gleichnamigen spanischen B-Movie ist da noch die enttäuschendste Ausbeute des vergangenen Herbstes. Was weder an den stimmungsvollen s/w-Tuschen von Marc Gras noch an dem - wie immer! - liebevoll editierten Großformat liegt, sondern am Storytelling. Zu hektisch wird hier der Inhalt des Kultstreifens runtererzählt und das war es dann auch schon. Schade.

Die neue Hammerharte Horrorschocker stellt die extralange Erzählung Quell des ewigen Todes in den Mittelpunkt, die der Chef selbst angerichtet hat. Zu meiner vollsten Zufriedenheit: Die geschichtsträchtige Story um Göttinen, Dämonen, Kulte und Gier hat mit Brüsten, Blut und einem guten Turning Point alles, was mich bei Weissblech begeistert. Nicht anders geht es mir mit der (noch) aktuellen Ausgabe von Luba Wolfsschwanz -Tochter der Tundra. Die Serie ist noch jung, aber ich bin erklärter Fan der ersten Stunde. Ist die Titelstory zwar etwas mau, so gefallen die beiden anderen mir umso besser. Die Wolfsschwänzin auf ihrem erbarmungslosen Rachefeldzug durch eine barbarische Fantasy-Welt ist und bleibt ein ganz großer Wurf von Eckart Breitschuh! 

Bücherbums bei Tiktok: https://www.tiktok.com/@buecherbums/video/7058173271556115718?is_from_webapp=1&sender_device=pc&web_id7053825307773650438




Sonntag, 16. Januar 2022

Sinclair - Unblond

Ganze zweieinhalb Jahre hat FischerTOR mich warten lassen. Ich hatte zwischenzeitlich sogar gebangt, daß es nix mehr wird mit einer Fortsetzung von SINCLAIR Dark Zone, jener wahnsinnig gut geschriebenen, spannend erzählten und atmosphärisch mitreißenden Überschreibung des Romanheftklassikers von Jason Dark. Zunächst als Hörspiel kozipiert, hatte Dark Zone mich durch seine harte und direkte Sprache, seine knappen Film-Noir-Dialoge und seine Short-Cut-artigen Szenen ad hoc in Beschlag genommen. Doch auch als Roman macht sich die Story gut: 

Newham, nicht wirklich die netteste Ecke Londons. Drogen und Bandenkriminalität, Korruption und Gewalt prägen das Milieu, und Detektive Sinclair ist ein Cop unter vielen, desillusioniert, zynisch und müde. Gleich zu Beginn kommt er bei einer Explosion in den Docks ums Leben, und taucht auch im ganzen ersten Band nicht mehr auf. Statt seiner ermittelt nun Detektive Shao, in der Originalserie Sukos Frau, hier ein junges Raubein, im Fall um einen merkwürdigen Granitblock und zerstückelte Leichen in der Kanalisation. Eine neuartige Designerdroge namens Harmony scheint ebenfalls mit all den Ereignissen zusammenzuhängen, die irgendwie erstmal so gar nicht wie Horror, sondern wie hard-boiled Krimikost anmuten - und das ist sehr sehr gut. Sehr gut gemacht, vor allem aber das altbekannte Pferd von einer wirklich neuen Seite aufgezogen: Die Stadt, das versiffte London von heute, ist nicht nur Kulisse, sondern spielt eine Hauptrolle.

Recherchiert man ein wenig in den einschlägigen Foren, wird bald klar, dass die Konzeption von SINCLAIR "DeadZone" und "Underworld" nicht nur Freunde hat. Vielen Fans der Originalserie stoßen zahlreiche Veränderungen sauer auf. Keine strahenden Helden, sondern gebrochene Charaktere. Reporter Bill Conolly ein drittklassiger Vlogger, Glendas Kaffee ist ungenießbar, Zuko hat nen Nachnahmen, und als die Titelfigur - im zwoten Band ist John wieder lebendig und hat keine Ahnung, was ihm wiederfahren ist - sich mit einer blonden Perücke tarnen soll, fühlt er sich gar lächerlich. Jede Menge Ironie also, die nicht jeder Fan als liebevolle Hommage begreifen mag.

Immerhin führt Band 2 einige Handlungsfänden zusammen und schafft etwas Handlungsklarheit, denn für einen Neustart waren doch zunächst reichlich Fragen offen geblieben. Auch das Übernatürliche gewinnt deutlich an Raum, es werden  Bezüge in die Vergangenheit, in Mystik und verborgene Realitäten angedeutet. Doch es bleibt angenehm bodenständig, und nicht zuletzt das beinahe hundert Seiten lange, doch in keiner Zeile zähe Shootout gegen Ende des Buches zeigt, dass actionreicher Grusel auch ohne hämisch lachende Dämonen und ähnlichen 70er-Trash fesseln kann. Überhaupt, was Dennis Erhardt (in Zusammenbart mit Sebastian Breidbach) hier handwerklich vorlegt, ist vor allem eines nicht: Trash. Doch als Einzelromane (bzw. "Staffeln", wie es in der Hörspielvorlage heißt) funktionieren die Bücher nicht. In Erzählhaltung und Komplexität erinnert SINCLAIR eher an Serien wie Gabriel Burns oder True Detektive als an eine ehrwürdige, aber auch eher schlichte Heftromanserie. 

Wie es nun weitergeht, wird sich zeigen. Im Nachwort verbreitet der Autor jedenfalls nicht allzuviel Hoffnung, dass es schnell geht mit einer Fortsetzung. Zwischen beiden Büchern und ihren dazugehörigen Hörspielen lagen zumindest mehr als zwei Jahre, auf einen ähnlichen Zeitraum kann man sich als Leser wohl auch jetzt einstellen. Wenn ich mir was wünschen dürfte, bliebe der Horror in SINCLAIR auch weiterhin so schwer fassbar, überdimensional, bedrohlich. Dass John Sinclair am Ende von Underworld sich als denn doch so eine Art Auserwählter herausstellt, kratzt schon leicht an der Grenze zum Kitsch. Bitte, liebes Team, behaltet den eingeschlagenen Kurs bei und reaktiviert nicht so lächerliche Gegner wie Dr. Tod, Asmodina, oder die Horror-Reiter. Sinclair als Sohn des Lichts - das kann gerne in der Heftchenserie verbleiben. Der zynische Sinclair und Shao, seine Partnerin mit den äußerst schlechten Manieren, sind da deutlich zeitgemäßer.



Freitag, 20. August 2021

Taffe Tundratochter (& mehr)

Luba Wolfsschwanz, Tochter der Tundra - diese Comicserie bietet so ziemlich genau das, was ihrTitel verheißt. Gestaltet und präsentiert gewohnter Weißblech-Hingabe zum Trash, von Eckart Breitschuh mit klarer Line gezeichnet und in satten Farben koloriert, setzt Heft 2 die "spektakuläre erste Ausgabe" (O-Ton Verlag) vom Sommer lückenlos mit einem in sich geschlossenen Zweiteiler fort. 

Besagte Luba durchstreift die Provinzen der Welt Avara, deren Phantastik überwiegend von der Zeit der griechisch-römischen Antike inspiriert ist. Begleitet wird die slawisch-herbe Schwertschwingerin dabei von Gelata, ehemalige Gespielin eines Mitglieds des dritten Battalions der avarischen Armee. Das hat, weit im Nordosten des Kontinents, ihr gesamtes Dorf niedergemäht und die Barbarin für Gladiatorenkämpfe in der Haupstadt versklavt. Nun sinnt sie auf Rache, und die lange Liste, die Gelata dabei abzuhaken hat, bildet den roten Faden einer Serie, die absolut das Potential hat, Dauerbrenner zu sein. Auch wenn die 4 Short Stories des Auftaktbandes erzählerisch etwas raffinierter aufgebaut waren, macht "Im Tal der blutigen Blumen" dennoch Spaß. Statt Rückblenden und ähnlicher Mätzchen einfach doppelt soviel Sex und Brüste, passt schon. 

Zeitgleich serviert Weißblech-Mastermind Levent Kurio Heft 61 seiner Hammerharten Horror-Schocker. Der Maitre himself richtet mit Der Mumienwurm die Titelstory an, Debütant Mario Öller legt mit Die Gerechtigkeit der grossen Wälder eine psychologisch interessante, toll gezeichnete Miniatur hin. Mein persönlicher Höhepunkt ist aber Schwergewicht von Falko Kutz und Carsten Dörr. Eine trotz ihrer krassen Überzeichnung nahegehende Geschichte mit  überraschendem Slasher-Finale. Die Bilder erinnern mich in ihrer Rundheit und aquarelligen Koloration an einen Zeichener des guten alten MAD MAGAZINES, dessen Name ich beim besten Willen nicht mehr auf die Reihe kriege. 

Zweimal Grusel-Trash aus gutem Haue, Herz, wat willze mehr?

Samstag, 14. August 2021

you can't judge a book by its cover vol 1 & vol 2


vol 1

dialog auf facebook messeneger, 16.6.2021, ab 10:51

ICH: Halb gelesen weil doof. Gibt's bei booklooker nur neu, 13 Euro. Mit Signatur der Autorin und Lesezeichen. Aber Ecken leicht abgestoßen. Wenn sich das für dein Booklooker lohnt, schenke ich es dir. Kann das nicht einschätzen. Sonst kommt es in den Bücherschrank.

DIE ANDERE: Klar lohnt sich das. Willste nicht selber auf Booklooker setzen?

ICH:  Nö, das ist mir zu viel Arbeit und im Moment das einzige Buch, das ich loswerden will. Ich schmeiße es die Tage in euren Riesenbriefkasten

DIE ANDERE:  Okayyy 🙂 Danke ❤

 

 

 

vol. 2 

15.08.2021

Und weil es so schön ist, das Cover, hat auch Bastei sich entschieden, es aus dem grossen Shutterstock-Pool zu fischen und einen John Sinclair damit zu zieren. Das habe ich zum Anlass genommen, nach Urzeiten mal wieder einen zu lesen. Dass der Autor von JS2248 - Alle lieben Vicky Starr Ian Rolf Hill heißt, macht die Entscheidung leichter. Denn ein besonderer Fan des Geisterjägers bin ich seit meiner Jugend nicht mehr, auch die aufwändig produzierten Hörspiele seit "Edition 2000" haben mich nicht wirklich abgeholt. Vicky Starr jedenfalls ist nicht nur eine Star-Influencerin, sondern auch irgendwie untot, steht unter Einfluss des Dämon-Götzen Marbhás und lockt eine Menge ihrer weiblichen Fans auf ein Festivalgelände in Schottland, um ihren unersätlichen Herrn zu füttern und nebenbei auch den Sohn des Lichts loszuwerden. Doch der ist wie immer ein zäher Brocken, und nach viel Blut, Verwesung und lesbischen Zungenküssen gewinnt das Gute, knapp aber gerecht. IRH schreibt toll, es macht richtig Spaß ihn zu lesen. Bemerkenswert ist, dass ihm über weite Strecken ein durchaus anderer Sound gelingt als bei Maddrax. Knapper, schlichter, sinclairiger. Oder liegt dieser Eindruck daran, dass ich bei der Lektüre ständig die Stimme von Marianne Mosar, Sprecherin der schrottigen Sinclair-Studio-Braun-Hörspiele, samt Heimorgel-Soundtrack im Kopf hatte? Wohliges Kindheitsgruseln kommt da auf. Auch weil die Story so vorhersehbar ist, wie ich es von Jason Dark noch gewohnt bin. Vermutlich nicht IRHs bester Sinclair, denn Bloggerkollege Sternensonde wird ja gemeinhin in seinen Rezis des Lobes nicht müde, was diesen Autor betrifft. Ich finde ihn ja auch klasse! In diesem Fall immerhin verdanke ich ihm ein nostalgisches Lesestündchen, das mich aber wohl nicht ins Sinclair-Fandom zurückkatapultiert.

Sonntag, 6. Juni 2021

3 Pulp Novels - "Wissen Sie, für mich ist Schlachten eine Kunst ...

... ich mache aus einem Vieh, das nur frißt und scheißt, schmackhaftes Fleisch, das bei Ihnen auf dem Teller landet." In Ian Rolf Hills Roman Virus-Alarm! - Jede Gier hat ihren Preis, nebenbei mein erster Abstecher in die altehrwürdige Horrorserie Professor Zamorra, schickt sich eine Art Zombie-Seuche von einem norddeutschen Schlachthof aus an, die Menschheit in fleischfressende Gierlappen zu verwandeln. Der Unterschied zu den fleischfressenden Gierlappen, die wir im globalen Norden ohnehin schon sind: Auch woke vegane Tierrechtsaktivist*innen erwischt es, und es darf gerne auch Menschenfleisch sein. Wie es die 3200 hochgezüchteten Schweine in jenem Zuchtbetrieb allesfressend vormachen. Und hinter all dem steht nicht nur, wie im echten Leben, unser freidrehendes Wirtschaftssystem kurz vorm Totalkollaps und seine/unsere damit verbundene krankhafte Gier, sondern auch ein Dämon. Is ja schließlich die langlebigste Horrorserie der Welt. Auch wenn IRH auch hier (wie nicht anders zu erwarten) einen spannend geschriebenen und für zarte Gemüter eher schwerverdaulichen Spannungsroman abliefert, ist PZ1225 mehr als das, nämlich auch ein engagiertes politisches Statement in Groschenheftform, das die Zusammenhänge zwischen der aktuellen Covid19-Pandemie und dem Welthandel mit Billigfleisch transparent in den Blick nimmt. Chapeau! Dass das durchaus kontrovers von der Leserschaft aufgenommen werden könnte, wird auf der LKS, die hier Mystery Times heisst, bereits vorsorglich kommentiert. Aber ich kann nur resümieren: Macht euch mal keinen Kopp, ihr guten Leutchen bei Bastei. Wir leben in bewegten und hochpolitischen Zeiten, das muss auch einen Niederschlag in der Welt der Heftromane finden, wie bei jedem anderen popkulturellen Phänomen auch. Nebenbei gesagt sind die Figuren Zamorra und Nicole Duval sehr zugänglich geschildert, der Roman setzt null Vorwissen voraus und ist somit einsteigerfreundlich.

Was nicht heisst, dass ich einsteige. Mich hatte nur die Werbung für dieses spezifische Heft heiß gemacht, und ein zamorralesender Freund hat es mir geliehen. Dazu noch 2 weitere Heftromane. Über Der Blut-Clan aus A.F.Morlands Reihe Tony Ballard, der Dämonenhasser mag ich mich aber nicht allzu sehr verbreiten. Soweit ich weiß, gab es das auch mal bei Bastei. Zu der Zeit, als ich noch Sinclair gelesen habe. Also 30 Jahre her. Dieser Roman ist aber als Taschenbuch bei Romantruhe erschienen und kaum der Rede wert. Leicht bekifft ist dieses Konglumerat aus Klischees, mieser Schreibe und einfältigem Billo-Friedhofs-Horror durchaus ein launiges Trash-Vergnügen, aber keines, das nach Wiederholung schreit, weshalb der zweite Roman dieses Paperbacks wohl ungelesen an den Verleiher zurückgehen wird. Interessanter ist da schon Band 1 der (damals) umstrittenen Kult-Reihe Dr.Morton, Blaues Blut, ebenfalls via Romantruhe wiederveröffentlicht. Das Original erschien in meinem Geburtsjahr und handelt von einem Londoner Arzt, der im Dienste des medizinischen Fortschritts bizarre Experimente am lebenden Menschen durchführt. Das geeignete Opfer im vorliegenden Roman ist ein Immobilienhai, der reihenweise Existenzen vernichtet und Menschen in den Suizid getrieben hat, dem jedoch kein justiziables Unrecht nachzuweisen ist. In einem Akt von Selbstjustiz wird das Blut dieses Herrn also in der Geschützheit eines Bunkers durch eine blaue Flüssigkeit ausgetauscht, die ähnliche chemische Eigenschaften wie der Lebenssaft besitzt, aber auch ein paar Nachteile hat, die es zu erforschen und zu verbessern gilt. Splitternackt und schlumpfenblau irrt der Immobilienhai durch die Klinik, weshalb auch einer unbeteiligte Dame, die unfreiwillig Zeugin wird, das Blut ausgetauscht wird. Das wiederum gibt dem Autoren des Heftchens reichlich Gelegenheit, der Leserschaft (das Gendern kann ich mir an dieser Stelle vermutlich schenken) pralle Brüste und verführerische Schamdreiecke zu beschreiben. Dass Dr. Glenn Morton einen Chauffeur und Gehilfen namens Grimsby hat, der seinerseits Serienkiller ist und in Blaues Blut auf schmierigste Art eine junge Frau verführt und dann von der Steilküste schmeisst, wirft ebenfalls ausreichend Sie-meint-eigentlich.Ja-obwohl-Sie-Nein-sagt-Szenario ab. 

Kurz gesagt: Wenn der Vorwurf "Schund" je zutraf, dann bei Dr. Morton. Selbstjustiz, ein an KZ-Arzt Mengele gemahnender Titelheld und genüßlich zelebrierter Sexismus waren wohl seinerzeit Grund genug für die good ol' Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, das Zeug dauerhaft auf den Index zu setzen. Der Erber- und Luther-Verlag hat mit dieser Serie nicht gerade einen schriftstellerischen Schatz gehoben, aber durch die Wiederveröffentlichung ein interessantes Stück Trash-Geschichte in den Versandhandel gebracht. Die Serie atmet sehr den Pornobalken-Geist der 70er und wäre heute so nicht denkbar. Da ist die TV- und Romanserie Dexter bei ähnlicher Prämisse schon aufregender.

Samstag, 8. Mai 2021

In Gottes Achselhöhle

Adam Hülseweh
Wie könnte es anders sein - irgendwann muss es runter in den Keller gehen. Wer je Lovecraft gelesen  oder das Pen&Paper Call Of Cthulhu gespielt hat, weiß genau, wo ihn/sie das unbeschreibliche Grauen, der Showdown und der garantierte Wahnsinn des Protagonisten erwarten: In den Gängen und Stollen, den unterirdischen Schächten und Kathedralen -  überall dort halt, wo die kosmischen Götter ihren Schlummer halten, bei dem man sie besser nicht stört. 

Das Vexyr von Vettseiffen ist mein erster Nahkontakt mit dem Blitz-Verlag aus Windeck in der Nähe von Bonn, der mir durch liebevolle Fortschreibung und Pflege der Pulp-Kultur sowie durch seine interessanten Serien schon mehr als einmal ins Auge gefallen ist. Doch erst mußte Ina Elbracht, deren Roman Pentimenti mich letztes Jahr schlicht begeistert hatte, ihr Alter Ego Adam Hülseweh einen Beitrag zur Reihe H.P.Lovecrafts Schriften des Grauens verfassen lassen, damit ich dort mal was ordere. Meine Erwartung war dementsprechend hoch - das Lesevergnügen ebenfalls!

Die Eifelstadt Monschau in den 60ern. Es riecht nach Weinbrand und der alten BRD. Weil bereits die ersten lauen Brisen, die einer noch weit entfernte Globalisierung vorausgehen, den familiengeführten Textilbetrieb gefährlich ins Schwanken bringen, wird der Filius ins ungemütliche Kaff Vettseiffen geschickt, wo es gilt, die Tante um Kapital anzuschnorren, deren Groschenheftverlag reiche Gewinne abwirft. Dort angekommen, wo die Fachwerkhäuser beisammenstehen, "als wollten sie ein schadhaftes Gebiss imitieren" und die Vorhänge "die Farbe aufgegebener Träume" haben, muß Hans Scheibler erst einmal eine plötzliche Krankheit auskurieren. Und ehe er merkt, wie ihm geschieht, ist der junge Mann mit dem Hang zu altmodischer Sprache und zurückhaltenden Manieren Gefangener eines Ortes, in dem es ganz und gar nicht mit rechten Dingen zugeht.

Manche Leute haben ein warmes Gefühl für die kalten Dinge, heißt es an einer Stelle in Elbracht/Hülsewehs Schauerroman, der sich in Struktur und Duktus durchaus am Meister orientiert, aber doch sehr eigenständig und vor allem auch sehr witzig ist. Witzig zumindest für alle, die es morbide mögen - Ina Elbracht ist das oben genannte Gefühl ohne jeden Zweifel zu attestieren. Seien es die liebevollen Beschreibungen von Menschen, Orten oder Nippes-Objekten, der wunderbare Spannungsaufbau, die verspielten und doch immer auf den Punkt gebrachten Verbindungslinien zwischen den erzählerischen Motiven (von den amüsanten Werbeanzeigen in alten Groschenheftchen bis hin zu den Namesnähnlichkeiten von Fischen und Landmarken) - die Autorin ist in diesem Genre voll ihrem Element. Ihre Phantasie scheint keine Grenzen zu kennen, ihre erzählerische Kunstfertigkeit hingegen bündelt die überschäumende Erzähllust zu einer stringenten und an keiner Stelle beliebigen Geschichte, auch zu einer kritischen Verneigung vor dem genialen Menschenfeind Lovecraft. 

Anders als dessen Fischerdorf Innsmouth ist Vettseiffen vor Inzucht sicher, denn hier wird nicht geboren, sondern lediglich zugezogen und schließlich gestorben. Oder auch nicht. Das wird ungefähr zur Hälfte des Romans klar, wo das Motiv vom Vexierbild (für Nutella-Fans der 80er: Wackelbild) auch formal aufgegriffen wird. Ab da ist kein Halten mehr; was vorher ironisches Gruseln war, wird nun waschechter Horror und ganz sicher keine Story für schwache Mägen. Wie auch in Pentimenti jongliert die Autorin mit vielen Plot-Bällen gleichzeitig, und es ist ein großer Spaß zu erleben, wie keiner davon runterfällt, als wir schließlich in die Katakomben des Dorfes und näher an des Rätsels Lösung gelangen. Mit einem Lochkartenrätsel liefert das rund 200 Seiten umfassende Taschenbuch sogar noch ein spielerisches Element mit, obendrein sorgt ein versierter Umgang mit Sprache für unverbrauchte Bilder und eine enorme Leselust!

Dienstag, 6. April 2021

Alan Moores Cinema Purgatorio: Berufsalltag mit Monstern

Sie sind mitten unter uns, aber keiner merkt es. Wir, das heißt in diesem Fall: Wir Einwohner/innen von NYC. Und sie sind die Gestalten, die seit eh und je unsere dunkle Phantasie beflügeln. Sowie die Phantasie des Films, denn Alan Moores Comicreihe Cinema Purgatorio ist ja vor allem eine Hommage ans Genrekino: Vampire, Zombies, Werwölfe, Tentakelmonster und Seelen, die keine Ruhe finden. Freaks also im Halloweenkostüm, denkt da der Alltagsmensch in Brooklyn und Manhattan, wenn er sich überhaupt noch was denkt angesichts der schieren Menge merkwürdiger Gestalten in U-Bahnen und Häuserschluchten. Nur wer täglich mit ihnen zu tun bekommt, ist eingeweiht, doch zur Verschwiegenheit verpflichtet. Die Polizei beispielsweise, oder - und hier nähern wir uns der Prämisse von Code Pru - die Rettungssanitäter/innen, die sich beispielsweise um suizidgefährdete Vamire kümmern müssen, die sich in ihrer Verzweiflung dem Sonnenlicht aussetzen oder mit Knoblauch vollstopfen. Prudence Slapweather und ihr Kollege Eric stehen also in vorderster Front, wenn es daraum geht, ausgebüxte Zombies einzufangen, Mumiengötter neu zu bandagieren oder den Geist eines beim Onanieren verstorbenen Trauerklosses zu bannen, damit das Appartment wieder bezugsfertig für die glückliche Familie werden kann. 

Prudence selbst ist nur kurz von der neuen Realität überfordert, mit der sie sich als Berufsanfängerin konfrontiert sieht. Soeben einer Wohngemeinschaft mit nervigen Goth-Girls entkommen, erlebt sie nun, dass Monster auch nur so was wie Menschen sind, deren Wehwechen und Problemchen man irgendwie lösen kann, meistens zumindest. Und wenn man dabei in Schwierigkeiten gerät, kann man sich immer noch von Big Foot retten lassen oder den smarten jungen Bullen abschleppen, auf den auch Eric ein Auge geworfen hat. Was nicht heissen soll, dass die Titelheldin ein hilfloses Mädel wäre, im Gegenteil: Pru ist ziemlich taff und damit wie geschaffen für ihren neuen Job, hat sie doch selbst eine Menge Verletzungen und Einsamkeit zu verdauen. Eine grosse Klappe kann da helfen, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Code Pru ist so ziemlich das Durchgeknallteste, was ich in den letzten Monaten an Comics gelesen habe. Beim Stöbern angesprochen hatten mich zunächst die extrem guten s/w-Zeichnungen von Raulo Cácere und die schräge Grundidee. Doch dass mich ein schieres Feuerwerk abgefahrener Einfälle und unheimlich pointierten schwarzen Humors erwarten würde, dazu glaubwürdige und moderne Figuren mit Tiefgang, hätte ich höchstens ahnen können, wenn mir der Name des Szenaristen Garth Ennis was gesagt hätte. Der schuf nämlich die Comicvorlage zur Amazon-Serie Preacher, die, in ihrer Setzung ähnlich bizarr, mich ausgewiesenen TV-Muffel ziemlich ausdauernd vor der Glotze halten konnte. Seltenheitswert! Ennis erzählt CP episodenhaft, beinahe wie eine Cartoonserie. Handlungsbögen und rote Fäden sind subkutan erkennbar (so gibt es auch einen Typen im Hintergrund, der den Umgang mit den Monstern vom Krankenhauskeller aus koordiniert), aber am Schluss bleiben doch ziemlich viele lose Enden übrig. Was auf eine Fortsetzung hoffen lässt, die aber (auch in USA) leider noch nicht in Sicht ist. Übrigens vereint die deutsche Ausgabe, bei Dantes erschienen, die zwei bisher erschienenen Einzelbände des Originals in einem liebevoll ausgestatteten Hardcover mit ausführlichen Notizen zur Übersetzung, das mit 29 Euro zwar nicht geschenkt, aber jeden Cent wert ist.

Vor einigen Monaten las ich aus der gleichen Reihe The Vast. Das war zwar ebenfalls toll gezeichnet, reicht aber von der Story her nicht annähernd an Code Pru heran.


Dienstag, 9. Februar 2021

Something Is Killing The Children Vol. II

 

Diese Monster haben nicht einen Funken Disney in sich. Sie sind so kompromißlos abstoßend, daß Zeichner Werther Dell'Edera sich nur mit groben Strichen, fast wie mit den fettigschwarzen Wachsmalern aus der Kindergartenzeit, an ihre Darstellung traut. Als hätte der Schöpfer reale Angst, seinen Kreaturen durch Detailreichtum oder perspektivische Finessen mehr Leben einzuhauchen, als ihnen zustünde. Kolorist Miguel Muerto pimpt die teils sehr brutalen Szenen mit einem stechenden Rot. Das Blut, das in SIKTC geblutet wird, fügt sich in keine Gesamtästhetik. Oder mit einem Satz: Was hier passiert, ist nicht normal.

Im vergangenen Dezember berichtete ich über den ersten Band der taufrischen Horrorserie, dass mich die Geschichte um Erica Slaughter inhaltlich nicht gerade jubeln lasse, ich die Comics in ihrer gestalterischen Umsetzung aber hochspannend fände. An Letzterem hat sich nach der Lektüre des zweiten Bandes (der amerikanischen Originalausgabe im Softcover, das deutsche Hardcover aus dem Hause SPLITTER läßt noch auf sich warten)  nichts geändert, aber auch inhaltlich kommt das Ding allmählich in die Hufe. Monsterjägerin Erica ist also das talentierte Problemkind eines Ordens, der die Monsterplage bereits seit Jahrhunderten in Schach hält. Erwachsene können die bösen Biester in den Wäldern nicht sehen, aber wenn ihre Kinder verschwinden und getötet werden, tragen letztlich sie die Schuld. Denn generiert werden die spinnenähnlichen Kinderfresser aus der Angst der Erwachsenen. Wie genau das passiert, und welche Ängste das im Einzelnen sind, bleibt noch in der Andeutung, im graugesichtigen Sarkasmus der alleinerziehenden Mutter etwa oder in der Unbeholfenheit des Direktors bei der Leichenschau in der High School von Archer's Peak. In dieser Gemengelage ist Erica ziemlich taff, ziemlich ironiefrei, einzelgängerisch und wortkarg. Im Grunde ein Rolemodel für mißverstandene Teenager, und so gibt Boom!Studios das empfohlene Lesealter auch mit 13+ an. Die Handlung setzt zwar eher auf Atmosphäre und Dialog als auf treibendes Plotting, hat aber dennoch genug inneren Zug, um diese Altergruppe bei der Stange zu halten. Ebenso wie mich. Vol. III, das die Einzelhefte 11-15 zusammenfassen wird (und auch hoffentlich wieder eine so geile, überwiegend von Gastzeichner*innen gestaltete Covergalerie beinhaltet!), ist für Juni 2021 angekündigt


Montag, 28. Dezember 2020

Ina Elbrachts PENTIMENTI ist ein weirder Ritt durch Kunst und Country.

Tuschezeichnung D. Bechthold

Ina Elbracht, Jahrgang 81, lebt in Köln und hat bisher ein paar Geschichten in Anthologien sowie zwei Bücher veröffentlicht. Eines davon ist Pentimenti, das in limitierter Stückzahl bei Wurdack erschienen ist und angesichts der Qualität von Story und Stil längst ausverkauft sein sollte, wäre diese Welt eine gerechte. Ins Auge gefallen ist mir der gut 170 Seiten umfassende Kurzroman durch die ungewöhnliche Titelillustration von Daniel Bechthold, das eine Art Ratte mit Facettenohren und teils spinnengleichen Extremitäten zeigt, die einer darmschlingenartigen Spiralwulst entsteigt. Ohnehin sind Bechtolds Tuschezeichnungen, mit denen Pentimenti reich bestückt ist, eine Augenweide. Wenn auch eine finstere. Kleinteilig, atmosphärisch, oft hynothisch und immer sehr eigenwillig, anziehend und gleichzeitig befremdend bebildert Bechtold Elbrachts Erzählung um den Kunstmaler Adam, dessen Werk wider Willen zur MOMA-tauglichen Avantgarde wird. 

Pentimenti bezeichnen in der Kunst nachträgliche Korrekturen des Malers an seinem Werk. Ina Elbracht fügt ihre Story aus drei Teilen zusammen, die den Wesenkern ihrer Erzählung erst am Ende freilegen, wenn sich wie bei einem rätselhaften Puzzle zusammenfügt, was lange unlösbar schien. Bereits für sich genommen hat jede dieser Handlungsscherben ihren eigenständigen Reiz. Da ist der knorrige Kunstmaler und seine liebenswerte Muse Eva, deren Tun erst durchschaubar wird, als es zu spät ist. Da ist der Möchtegernhippie, der auf seinem Roadtrip in eine für Touristen nachgebaute Westernstadt gerät, mit der entschieden etwas nicht stimmt. Und die Kunststudentin Holly, die lange Zeit später jenes Grauen gebiert, das von Anfang an in der Geschichte geschlummert hat. Über all diesem liegt die Verbindung zu einem Haus im Wald irgendwo im Hessischen, und das Hessische selbst, das Provinzielle, das zu gleichen Teilen liebenswert und rückständig durch alle Kapillare des Buches mäandert, sogar bis nach Manhattan, in das Herz der Welt.

Hessen ist nicht Innsmouth, und Ina Elbracht ist nicht H.P. Lovecraft, denn ihr Schreiben ist leicht und witzig, ihre Figuren sind Menschen aus Fleisch und Blut. Doch ihre wundersames Gruselmärchen spielt ein gelungenes Spiel auf der gleichen Klaviatur: Daß da irgendwo in Innern der Zeit noch etwas Unvorstellbares geduldig schläft, das nur noch auf einen Geburtshelfer wartet. 

Das Buch bei Wurdack

Der Künstler Daniel Bechthold


Mittwoch, 23. Dezember 2020

George R.R. Martins ernüchternd geiler Roadtrip

George R.R. Martin war mir bereits vor der Verfilmung seiner bis heute unvollendeten Lied-von-Eis-und-Feuer-Megasaga ein Begriff. Allerdings nicht weil ich selbst die Geduld aufgebracht hätte, mich in diesen Fantasy-Epos zu vertiefen, sondern weil seinerzeit ein enthusiastischer Freund nicht aufhören konnte, wieder und wieder seine Begeisterung über das Werk kundzutun. Nun also, mit deutlicher Verspätung, habe ich im Antiquariat meines Vertrauens meinen ersten G.R.R.M. aus dem Regal gefischt - ein Frühwerk, in den USA unter dem Titel Armageddon Rag veröffentlicht, als ich zarte 9 war und in meinem Kinderzimmer zu 99 Luftballons, Bruttosozialprodukt und Major Tom das Tanzbein schwang. Um solche Musik geht es in Armageddon Rock, so der aus Marketingkalkül vergebene deutsche Titel, aber nicht, Martin bohrt ein dickeres Brett. 

In den frühen 80ern bekommt ein Ex-Musikjournalist den Auftrag, den bizarren Tod eines führenden Rockproduzenten zu ergründen. Dem wurde in einer Art schwarzmagischem Ritual das Herz entnommen, und zwar auf eine Konzertankündigung seiner legendärsten Kapelle gebettet, der Nazgul. Jenes Konzerts, in dem der Sänger per Kopfschuß durch einen unbekannten Scharfschützen getötet wurde. Sandy, so der Name des Protagonisten, steckt seinerseits in einer ersthaften Schreib- und Midlifekrise. Seine Ermittlungen geraten zum intensiven Roadtrip in die eigene Vergangenheit, auf dem er einstigen Weggefährten und Bandmitgliedern begegnet, durch die der Autor uns prototypisch (und doch angenehm klischeefrei!) Karrieristen, Gescheiterte, Steckengebliebene, Wahnsinnige und sich doch irgendwie Treugebliebene vorführt. So sind sie inzwischen, will er sagen, die Dropouts, die Rebellen und die Blumenkinder - wobei inzwischen 1983 meint, und das ist, wenn ich jetzt das Buch zuklappe und überlege, wem ich es wohl weiterverschenken könnte, ja auch schon 37 Jahre her. Doch all das ändert nichts daran, daß allen Menschen, die sich für jene Zeit und für den Spirit ihrer Musik interessieren, dieser Roman eine lohnenswerte Lektüre sein dürfte. Mögen die Nazgul und ihr Kultstatus neben Hendrix, Janis und den anderen auch rein fiktiv sein und überhaupt die zahlreichen Tolkien-Bezüge etwas bemüht wirken, ist G.R.R.M. doch eine atmosphärisch dichte, sehr anschauliche und aufrichtige, schillernd ausdifferenzierte, warmherzige und kluge Verbeugung vor der Hippie-Ära gelungen. 

Der Versuch aber, diesen Geist erneut heraufzubeschwören, kann nur in einer Katastrophe enden. Womit ich auf die zweite Komponente des Romans zu sprechen komme, die deutlich Geschmackssache ist. Denn eine solche Beschwörung soll tatsächlich stattfinden, und die finsteren und verführerischen Kräfte dahinter legen ihre Fallstricke in den Weg all jener, mit denen Sandy es im Laufe der Geschichte zu tun bekommt. Auch hier zeigt sich die große Könnerschaft des legendären Langsamschreibers, die Erzählung hat Wucht und Sog - wirklich nötig wäre der Mystizismus allerdings nicht gewesen, ein einfacher Thriller hätte als Vehikel für das Thema des Buches gereicht. Und warum Heyne das Ding damals als Science Fiction vermaktet hat, wir mir wohl auf ewig ein Rätsel bleiben - Horror/Mystery trifft als Genrebezeichnung schon eher zu, und auch das nur mit etwas Wohlwollen. Armageddon Rag  ist nicht mehr und nicht weniger als eine sehr gute Geschichte über die Ära des frühen Rock und den Zahn der Zeit, die im Zuge des Erfolgs von GOT wohl auch eine Neuauflage erfuhr. Fans der 60/70er ist die Lektüre sicher ein Gewinn, sofern sie angesichts des verfuzzelten Endes ein Auge zudrücken wollen - wer dieser Zeit nichts abgewinnen kann, wird wohl mit diesem Buch nicht so recht glücklich werden.

Donnerstag, 29. Oktober 2020

Alan Moore's Cinema Purgatorio: Dicke Dingers

 

Gabriel Andrade

Kaiju-Fans werden The Vast lieben, verspricht der Dantes-Verlag auf dem Buchrücken. Nun kann ich nicht behaupten, ein solcher zu sein, denn bis zu meiner Lektüre wußte ich gar nicht, was Kaiju überhaupt ist. Doch Wikipedia macht schlau, und nun weiß ich, daß ich es mit der Genre-Bezeichnung für japanische und japan-inspirierte Mosterfilme zu tun habe. Die Figuren, die der brilliante Gabriel Andrade für diese Stroy gezeichnet hat (Szenario: Christos Gage), sind tatsächlich so mit das Monströseste, was ich je im Horror gesehen habe. Irgendwie riesig, bizarr, mit unüberschaubarer Anatomie. Klauen, Zähne, Tentakel, Scheren, Stachel, Mundwerkzeuge - beängstigend, was das Urmonster Apex da hervorgebracht hat, seit es auf die Erde kam.

Alan Moore

Die Sory von The Vast ist im Grunde schnell erzählt: Die mächtigen Terraformer bringen die Fauna der Erde zum Mutieren, sie zerstören ganze Metropolen und unterjochen die Welt. Das US-Militär hat also ohnehin genug zu tun, da sind die Machenschaften der Russen eine zusätzliche Bedrohung der freien Welt. Während die Amis gelernt haben, Monster im Babystadium auf eine*n Reiter*in hin zu konditionieren und liebevoll zu Partnern im Kampf für das Richtige zu machen, tun die Russen das Nämliche mit stumpfer Gewalt: Das Ergebnis sind hochaggresive Kampfmaschinen. Der australische Kontinent ist nun von den Russen eingenommen. Janna Plechette kommt zu ihrem Monster namens Baby  eher durch Zufall, doch ihre Bindung ist eine Besondere. Es folgen tierisch gute s/w-Panels voller Action, Zerstörung, Drama. Ich kann Andrades Kunst nicht überschwänglich genug abfeiern: Sein Strich ist gestochen scharf, detailreich und fein, seine Zeichnungen strotzen vor Leben, Dynamik und Emotion. Die Story ist eher so - naja. Ein Fest für Trash-Fans, ja sicher, und vor diesem Hintergrund sind auch die 50er-böse-Russen-Klischees erträglich. Und ein paar gute Gags gibts obendrauf. So gesehen alles tutti, ein kurzweiliges Lesevergnügen. 

The Vast ist der Auftaktband der deutschen Edition von CINEMA PURGATORIO, einer Serie von in sich abgeschlossenen Horrorcomics, vorgestellt von Szenaristenlegende Alan Moore. Der Meister selbst steuert ebenfalls einen Band bei. Der Preis von 20 Euro für The Vast ist angesichts der wertigen Aufmachung, der Bonuszeichnungen und des sehr ausführlichen Glossars absolut gerechtfertigt - die anderen vier Bände der Serie sind jeweils ein wenig dicker und ein wenig teuer.

Freitag, 25. September 2020

Bizarre Biotope: Sickest Stuff aus dem TEDI, nur 1 Euro!

Ich spare mir die Mühe, einleitende Worte zu finden, und zitiere stattdessen aus ganzem Herzen einen beißenden Kommentar (Hervorhebungen durch mich..) vom Blog Temporamores 165:

Licht und Schatten: Im Suhrkamp Verlag erschien soeben mit MUND VOLL ZUNGEN (245 S., suhrkamp taschenbuch 4183, Reihe NEWGOTHIC, Band 2) der erste ins Deutsche übersetzte Roman des amerikanischen SF-Autors Paul Di Filippo. Und anstatt diesem erstklassigen Science-Fiction-Roman ein passendes „Cyberpunk ist tot – es lebe der Ribofunk!“-Label (am besten in Giftgrün) aufzukleben, oder wenigstens ein sattes: „»Die Welt als pornographisches Lachkabinett Arno Schmidt“ auf den hinteren Deckel zu drucken, versucht man in Berlin alles, um dem Leser den Einstieg zu erschweren. Nachdem man den Ekel vor dem unsäglichen Titelbild (und die Abneigung gegen den elitär-großkotzigen Untertitel) überwunden hat, muss man sich erst noch durch ein (gottlob kurzes) Vorwort von NEWGOTHIC-Herausgeber Dietmar Dath kämpfen, bevor man in Di Filippos Zukunftswelt eintauchen darf. MUND VOLL ZUNGEN erweist sich dann als sprachgewandte und ideenreiche Weiterentwicklung erzähltechnischer New Wave-Experimente a la Philip Jose Farmer und Samuel R. Delany, die es vor mehr als vierzig Jahren unternahmen, der ach so prüden Science Fiction mit ein wenig Fleischeslust und Körperflüssigkeitsaustausch ins „wirkliche Leben“ zu verhelfen. Di Filippos sprachgewaltige Erzählung über geldgeile Pharmakonzerne, menschliche Ausschweifungen, die Unterschiede zwischen urbaner Verwahrlosung und tropisch-natürlicher, ausufernder Sexualität, ist eine desillusionierte Zukunftsschau, die uns inzwischen (der Roman erschien in den USA bereits 2002) fast eingeholt hat. Paul Di Filippo gehört gegenwärtig zu den interessantesten amerikanischen Autoren, dass man ihn jetzt hierzulande kennen lernen kann, ist das Verdienst von Dath/Suhrkamp – dass dies nicht ganz einfach ist, allerdings auch. 

Damit wurde nahezu alles Wichtige gesagt, und das bereits vor 10 Jahren. Die Reihe NEWGOTHIC hat es bei Suhrkamp gerade mal auf kümmerliche 3 Bände gebracht. Das Dietmar-Dath-mäßige, nicht gerade niederschwellige Marketing ist mit Sicherheit nicht ganz unschuldig daran, daß die Restexemplare jetzt, weitere 10 Jahre später, in großer Stückzahl bei TEDI verramscht werden. Da ist die nahe Zukunft, in der Di Filipo die Romanhandlung angesiedelt hat, bereits seit 5 Jahren Vergangenheit. 

So hoch hätte man also die literarische Latte gar nicht hängen müssen, zumal die hohe sprachliche Qualität von Mund voller Zungen nicht kaschieren kann, daß wir es mit einem enormen Trash zu tun haben. Hervorragendem Trash! 

Kelly, ihr Gesicht ist mit einem markanten Feuermal gezeichnet, arbeitet für ein Biotech-Labor, dessen Arbeitsklima von Unterdrückung und Sexismus geprägt ist - was dem 2020er Leser (m/w/d) sofort an #metoo erinnert. In einem Anfall von Verzweiflung und Entwürdigung beginnt sie einen irrwitzigen Rachefeldzug, indem sie sich mit einem firmeneigenen TOP-SECRET-Gezücht namens Benthos vereint. Es zieht diese totipotente Vieh/Mensch-Melange in ein Kaff in der brasilianischen Regenwaldregion Bahia, wo es gedeihen, spirituell reifen, sich verwandeln und vermehren kann. Das hat im Wesentlichen mit Sex zu tun, in dem Mutationen, Intersexualität, Rausch und Blut tragende Rollen spielen, in dem auch Penisse verschmelzen und Oligarchen in ihrem eigenen Sperma ersaufen können, daß kubikmeterweise aus dem Mund quillt. Inzest, Zoophilie, Blitzschwangerschaften, Orgien und Orgasmen - und die Bruja Kelly Hacket belohnt mithilfe einer lebensgierigen, alles beherrschenden Megasexualität die Guten und richtet die Bösen jener Kleinstadt, bis es sie schließlich zur Vollendung ihrer neuen Identität in den Dschungel zu den Indios zieht. Und dann auf beeindruckende Weise in der Business-Wüste ihrer alten Heimat Tabula Rasa macht. 

Diese Handlung  würde nun, auch wegen seiner mehr als expliziten Sprache, jenen Groschenheftchen sehr gerecht werden, wie sie in den 70ern und 80ern gerne von der Bundesprüfstelle für jegendgefährdende Schriften indiziert und daher auf Schulhöfen hoch gehandelt wurden. Sprachlich ist das Ding aber alles andere als billig, und das ein oder andere Fremdwort habe ich ebenfalls nachschlagen müssen. Belohnt wurde ich mit einer brutal lebensbejahenden, extrem kurzweiligen Geschichte. Wer Spaß an bizarrer Weird Fiction hat, ist mit diesem Buch bestens bedient und sollte unbedingt in der Bücherschütte seines nächstgelegenen TEDI-Marktes Ausschau halten.

Noch ein Wort zu Herausgeber Dietmar Dath, diesem dünnen Marxisten, der im eingangs zitierten Blogeintrag ordentlich sein Fett wegkriegt. Ja, er schreibt hochgestochen und manchmal schlaumeierisch. Seinen Roman mit dem sehr geilen Titel Abschaffung der Arten mußte ich nach einiger vergeblicher Anstrengung unverstanden und unverdaut aufgeben, und auch sein aktuellstes Werk über Science-Fiction-Literatur soll wohl ein ziemlicher Brocken sein. Aber, liebe Phantastik-Gemeinde: Er ist nun mal unser Mann beim Großfeuilleton und mir schon allein deshalb sympathisch, weil er  ín der FAZ eine Ausgabe meiner Leib-und-Magen-Heftromanserie Maddrax - Die dunkle Zukunft der Erde empfahl. Das tat er nicht ganz ironiefrei, und dennoch: Solche hochengagierten und produktiven Intellellen😵, über die man sich meinethalben auch ärgern und an denen man sich reiben kann, die dann aber ständig solche Schätze ausgraben und publizieren wie Mund voll Zungen, kann unser manchmal belächeltes Genre immer gut gebrauchen.

Montag, 8. Juni 2020

Über H.P. Lovecraft: Misantrophen unter sich

Michel Houellebecqs romanhafter Essay über Leben und Werk von Howard Philipp Lovecraft erschien erstmals 1991 und damit deutlich vor der "Ausweitung der Kampfzone", jenem Roman also, mit dem der dünne Franzose, der in den Medien immer so merkwürdig an seiner Zigarette nuckelt, seinen internationeln Durchbruch feierte. Meiner Meinung nach völlig zu Recht, hätte ich doch das Cover von "Kampfzone" mit Sicherheit bei einer jener Corona-Challenges auf Facebook gepostet, wenn ich denn nominiert worden wäre. Schließlich ist die Kampfzone eines der Bücher, die einen massiven Einfluß auf mein Denken und meine literarische Weiterentwicklung genommen haben, aber das scheint von meinen FB-Bekanntschaften niemand so recht zu interessieren.
Ebenfalls war es mir immer ein leichtes, mich für das Werk von H.P. Lovecraft zu begeistern, dem ich als pickliger Teenager erstmals in Form eines Pen&Paper-Rollenspiels namens "Call Of Ctullhu" begegnete. Lovecraft, der mit seiner absonderlichen Prosa über das Wirken der Goßen Alten literarische Maßstäbe setzte, war und ist nicht unumstritten. Einerseits ist es sein Stil, unausgewogen aber einzigartig, nicht mit verschwenderischen Adjektiven geizend, andererseits seine reaktionäre Geisteshaltung, die Anlaß für Kritik von vielen Seiten gab und gibt. Dennoch ist unbestritten: Lovecraft ist nach Edgar Allan Poe, nach Bram Stoker und Mary Shelly der wichtigste Autor der dunklen Phantastik. Houellebecq analysiert sachlich und genau, wie Lovecrafts verkrachtes Leben Einfluß auf sein Schreiben hatte, wie seine streng materialistisch-wissenschaftliche Mystik in den Geschichten funktioniert und wie sein Rassismus, sein Selbst- und Menschenhaß sein Leben scheitern ließ, seine Kunst aber vorantrieb - was erst nach seinem Tod ausreichende Beachtung fand und finden konnte.
In diesen analytischen Passagen nimmt sich Huellebecq als Künstler, den ebenfalls sein schonungloser, pessimistischer Blick auf unsere Spezies auszeichnet, völlig zurück. Es ist vor allem das erste, Ein neues Universum betitelte Drittel des Buches, in dem der Franzose seine eigene Person in Beziehung zu seinem Sujet setzt und dort zu der Form aufläuft, die Elementarteilchen oder Unterwerfung so erfolgreich gemacht haben: Ein verzweifelter Zynismus, eine bittere Pointiertheit, ein misantropher, tiefer Humanismus. "Wer das Leben liebt, liest nicht," heißt es da. "Der Zugang zum künstlerischen Universum ist mehr oder weniger für die reserviert, die ein wenig die Schnauze voll haben." Ob ich dem aus vollem Herzen zustimmen würde, weiß ich nicht. Aber auf Howard, Michel und mich trifft es wohl zu, bei dem einen mehr, bei den anderen weniger.