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Sonntag, 7. August 2022

Will the Circle be unbroken? - Sommer '22

Ohne Maddrax is' auch keine Lösung. Zwar hatte ich mich zu einer Lesepause von drei Ausgaben verdonnert, denen ich mich dann am Ende des Sommers am Stück widmen kann. Weil ich meinen Fokus ein wenig auf andere Lektüren legen wollte. Ein Vorsatz mit Hintertür, denn er bezog sich ja nur auf die aktuelle Serie. Ältere Bände der geilsten Groschenromane der Welt buhlten nämlich nun verstärkt um meine Aufmerksamkeit, folgenden Heftchen wurde sie denn auch zuteil: MX366 - Tausend Jahre wie ein Tag von Sascha Vennemann, MX27-Ruf des Blutes von Timothy Stahl und MX443 -Die Erleuchteten von Jo Zybell. Vennemanns Beitrag changiert zwischen Iron Sky, Indie Jones und der Grundidee von  Philip K. Dicks "Orakel vom Berge": Das nationalsozialistische Deutschland hat seinen Kampf gewonnen und eine arische Diktatur etabliert. Allerdings in einer Parallelwelt, die nun dank eines Artefakts auf der uns vertrauten postapokalytischen Erde auftaucht. Sensibles Thema, überbordende Satire: Reichsflugscheiben, ein durchgeknallter GröFaz, ein Robo-Adolf, dazu kaum einsatzfähige Reichsflugscheiben... eine gelungene Gratwanderung! Ebenfalls ein Conspiracy-Sujet, ebenfalls witzig und unterhaltsam, im direkten Vergleich jedoch ein eher harmloses Vergnügen: Jo Zybell dreht das Reptiloidenthema im Ringweltsystem auf den Kopf, weil die reptilienhaften Messisianer nun die Humanoiden fürchten. Das Personal hat Namen wie Puudin und Edoan, die Hauptstadt der Schwurbler heisst Schwurb'laa, das heilige Buch der Sekte trägt den Namen Dr. Axel Stolls. Tränen gelacht. Und "Der Ruf des Blutes" ? Der Blick zurück zeigt, wie sich gut, aber auch wie anders die Serie in ihren Anfängen war: Die Story um eine Nosfera-Jägerin und ihre jugendliche Community überrascht mit zwei Wendungen und geht (trotz oder wegen?) ihres simplen Strickmusters mehr an die Emotionen denn ans Zwerchfell. Von der Komplexität heuter Geschichten weit entfernt.

Wo wir schon bei Emotionen sind: Der Lichtwolf ist für mich eine der besten Entdeckungen der letzten Zeit, ich habe sogar - klarer Verstoß gegen einen eherne Vorsatz -  über ein Abo nachgedacht. Klar: Für Publizierende, besonders für jene, die mit kleinen geilen Druckerzeugnissen die Nischen meines literarischen Interesses ausleuchten, sind abgeschlossene Abos Gold wert, weil sie Planungssicherheit ermöglichen. Allerdings hab ich dann keines gebucht. Und plötzlich der Knall: In Ausgabe Lichtwolf #74 mit dem bezeichnenden Schwerpunkt Weitermachen! kündigt Herausgeber Hieronimus Schneidergger das Ende der 22jährigen Geschichte des Philo-Fanzines an. Ein Grund, das lässt er ganz klar durchblicken: Zuwenig verlässliche, regelmäßige Leserschaft. Viel Frust, finanzielle Einbußen. Offenbar Zeit, den Wolf wieder zurück in die Steppe zu lassen. Mehr als bedauerlich. Hätte mein Abo das Blatt vielleicht wenden können? Bei den Zahlen, die Schneidegger in einer betriebswirtschaftlichen Bilanz freimütig abdruckt, frage ich mich das ernsthaft. 


Im Innern des Lichtwolfes dann wieder viele lesenwerte Artikel. Im Angesicht der kommenden Einstellung des Periodikums scheinen sie mir eindringlicher als sonst. Besonders Marc Hieronimus' Essay "Weitermachen? Bloss nicht!" ist ein finsterer Blick in den Abgrund, auf den unsere Hyperkonsum-Zivilisation verblüffend unbeirrt zurast. Dabei bezieht er sich auf die Arbeit des Philosophen und Theologen Ivan Illic ("Meine Arbeit ist ein Versuch, mit großer Traurigkeit die Tatsache der westlichen Kultur zu akzeptieren"), den er ausfühlich vorstellt. Kommt die große Einsicht von selbst? Ein Gespräch mit einer jungen FFF-Aktivistin im vergangenen Mai, an deren Name ich mich bedauerlicherweise nicht mehr erinnern kann, hat mich tagelang mit Hoffnung erfüllt. Die Waldbrände während meines Sommerurlaubs und die Tonnen von Plastikmüll, die am Ferienort produziert wurden, haben mir einen deprimierenden Dämpfer verpasst. Und ich war nur in Südfrankreich, nicht in Brasilien oder Mumbay. Den höllischen Kreis von Wachstumswirtschaft und Ausbeutung von MEnschen und Ressourcen zu durchbrechen wird bedeuten, sich auf ein radikal anderes Leben einstellen zu müssen. "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass," ist sicher kein funktionierendes Motto. - Auch herrlich, witzig, interessant oder inspirirend in dieser Ausgabe: Die Vorstellung des Alternativwolfs, Michael Helmigs Blick auf die antike Strömung der Bewegungsleugner anlässlich eines Athen-Besuchs, Ewgeny Kasakows True-Unrechtsstaat-Thriller um den polnischen Mehrfach-Staatsfeind Sobolewsky.

Kackendreist: Druckfrisch und vom Feuilleton bejubelt hat sich Andrea Abreu mit ihrem Debut So forsch, so furchtlos auf meinem Lesestapel vorgedrängelt, denn es verbindet mehrere Motive, für die ich nicht nur generell empfänglich bin, sondern nach denen mir zur Zeit auch besonders der Appetit steht: Provinz, Prekariat, Pubertät. Und Südeuropa - Die vier P's also, wenn ich das vom Ende des Worts dazumogeln wöllte. Abreu erzählt das schmerzhafte Zerbrechen einer Mädchenfreundschaft auf Tenerriffa. Allerdings nicht an den küstennahen Urlaubsorten, wo die Eltern von Isora und ihrer Freundin, der Ich-Stimme, schuften müssen, sondern im Innern der Insel. Ihr Dorf ist die Hänge des Vulkans gebaut. Eine Begegnung mit einem blonden Touristenmädchen, das sich aus ihrem Resort in die struppige Wildnis der Vulkaninsel locken lässt, gehört dann auch zu den rätselhaftesten Szenen des Buches. Im Mittelpunkt steht aber ganz klar das sexuelle Erwachen der beiden Mädchen. Unberechtigt ist der Jubel um diesen kurzen Roman tatsächlich nicht: Der Sound ist eigensinnig, derb fäkal und sehr poetisch, Haupt- und Nebenfiguren zum Verlieben und Verzweifeln, die Atmosphäre ist schwül, drückend, abenteuerlich. Allerdings versaut das Ende einiges, da es einer erzählerischen Konvention aus der Mottenkiste folgt: Eins der Mädchen, natürlich das enfant terrible des Duos, die angebetete Isora, kommt ums Leben, als sie sich trotzig aus der Enge ihrer Umgebung losreißt und ohne Rücksicht auf die schüchterne Freundin ihre Chance ergreift, den Sehnsuchtsort "Meer" zu erreichen. Oh sorry das war ein Spoiler. Aber ich bin auch ein bisschen sauer, weil es bis dahin so gut war.

Nehme ich das hier tatsächlich mit an den Strand? Ina Elbrachts Beitrag zur "Grusel Thriller"-Reihe in Jörg Kleudgens BLITZ-Verlag schien mir erst gar nicht so recht in die Jahreszeit zu passen, aber weil Papageien drin vorkamen, konnte sich trotzdem ein sommerliches Lesefeeling einstellen. Das Taschenbuch (mit Blutschloss-samt-Fledermaus-Logo sowie Coverbild von Pulp-Legende Sieber-Lonati äußerst stimmig aufgemacht) hatte lange genug auf dem Stapel gelegen; außerdem mag ich Ina Elbrachts Bücher. Das Ding war also reif. In Der Todesengel lerne ich zunächst nicht die Hauptfigur Helene kennen, eine erfolglose Immobilienmaklerin am Rande der Verzweiflung, sondern lese, wie das Mädchen Gerda Grope von einer rätselhaften Unbekannten in den Weltkriegswirren des zerbomben Köln gerettet und schließlich an Kindes statt angenommen wird. Später wird sie mir als Helenes verschrobene und stinkreiche Auftraggeberin, der Nachnahme ergänzt um ein vornehmes "von", wiederbegegnen. Da stelle ich als Leser zwar erste Verbindungslinien her, doch was die Autorin tatsächlich im Schilde führt, merke ich erst, wenn es zu spät ist - für Helene. Denn einfach und gradlinig ist in dieser Geschichte mit ihren drei Zeitebenen erstmal nichts. Mit viel schriftstellerischer Ironie gemahnt zwar die schnodderige Art der Heldin an die Bahnhofsliteratur vergangener Tage - "Der Todesengel" ist hingegen ein Treppenturm aus Motiven, Hinweisen, Szenen und Handlungen, das leicht weg zu lesen ist, aber nachhaltig wirkt. Ein Papageienanwesen nebst seltsamer Dienerschaft, das Motiv des Überschminkens, die Verwirrung der Begriffe und eine alternative Deutung der Kölner Richmodis-Sage - es ist die große Kunst von Ina Elbacht, ihre Erzählung mit Leichtigkeit und Sprachwitz, aber auch mit drastischen Horrorszenen bis zur Auflösung in der Spannung zu halten. Mit dem Lüften des Geheimnisses aber ist es in einem echten "Grusel Thriller" noch nicht getan. Helene muss am Ende versuchen, einen dämonischen Kreislauf zu durchbrechen, da gehört sie sich schon nicht einmal mehr selbst. Zum Finale wird es also nochmal richtig spannend.

Ein bisschen weniger spannend, dafür ergreifend und witzig ist Caravan, im englischen Original "Two Caravans" von Erfolgsautorin Marina Lewyca. Hab ich als recht zerlesenes Exemplar auf dem Campingplatz aus dem Regal gefischt und bin nicht weniger als beglückt von diesem Fund. Die ukrainischstämmige Britin Lewyca ist mir natürlich mehr als einmal auf den Stapeltischen der Buchhandlungen begegnet, zum Kauf gereizt hat mich ihr Bestseller Eine Geschichte des Traktors auf Ukrainisch aber nicht. Zehn Jahre hat dessem Nachfolger Caravan mittlerweile auf dem Buckel. Die Geschichte um eine Gruppe von Erntehelfer/innen, ihrer Flucht durch England, ihrer Zersplitterung und ihr Finden unterschiedlicher Erkenntnisse, Glücksmomente und Zukunftsaussichten ist konsumierbar geschrieben, entwickelt jedoch mehr Tiefgang, als der Anfang auf der Erdbeerfarm vermuten lässt. Der nämlich verbreitet mit seinem dicken Bauern und der Hackordnung innerhalb der multikulturellen Zwangsgemeinschaft noch ein typisch britisches Wallace&Gromit - Feeling: Skurril, aber harmlos. Doch mit fortschreitender Handlung entfaltet die Autorin ein gesellschaftliches Panorama, das neben vielen Themen auch die Zerrissenheit der ukrainischen Bevölkerung zwischen prorussischen und prowestlichen beleuchtet -aktuell und erhellend. Arbeiterklasse, Klimakrise, Globalisierung und Ausbeutung -  Lewyca bohrt sich mit großer Menschlichkeit in die Kernkonflikt unserer Zeit. (s.a. David Goodhart!) Eine extrem gewinnbringende Lektüre!

Aus unserer beliebten Kolumne Comics & Sachbuch: 

David Goodhart - The Road to Somewhere, ein offenbar in Großbritannien recht umstrittenes Buch, das in eine ähnliche altlinke Kerbe schlägt wie hierzulande die Wagenknecht. Streitbar, aber argumentativ auch in (m)einem akademisch-woken (früher: salonlinken) Umfeld nicht von der Hand zu weisen. Trotzdem eher quergelesen als sorgfältig studiert.

Herrn Hases Haarsträubende Abenteuer No.7 - Ganz im Ernst von Lewis Trondheim fand ich im Vergleich zu den anderen Bänden etwas nichtssagend, daran konnten auch die skurrilen Interviewpartner von Hases Freundin nix ändern. Das Herr-Hase-Reboot Die neuen Abenteuer des Herrn Hase No.1 - Eine bessere Welt  - wir haben die 90er verlassen und es gibt mittlerweile Smartphones mit Dating-Apps - ist hingegen wirklich spitze! Ungewöhnlich stringent erzählt - Herr Hase will sich korrekt verhalten und löst einen verheerenden Polizeieinsatz aus. Mit bitteren Anklängen an das Bataclan-Massaker in Paris 2015. 

Lange habe ich auf die dritte Ausgabe der TSVEYFL - Dissensorientierte Zeitschrift mit dem Schwerpunkt Anarchismus und Autonomie warten müssen. Hat sich unterm Strich so halb gelohnt, wenn ich M.F.J. Schnetkers "Die Freiheit, die sie meinen" und F. Schuhs "Digital selves, digital work & digital labor" als gelungenste von insgesamt sieben Aufsätzen zu Grunde lege.

Abschließend ein gescheitertes Vorhaben: Mit Jack Karouaghs Big Sur bin ich ganze 14 Seiten weitergekommen und hab mittlerweile wohl komplett den Rückholfaden verloren. Und auch andere Lesepläne für die nun verflossenen Ferien bleiben wohl noch länger aufm Eis. Zum Glück werden sie mir nicht weglaufen! Denn nun, der Jahreskreis wird sich ja wohl nicht ändern, kommt ja der Herbst und mit ihm weniger Ablenlung durch Freibad und Beachbar.


Donnerstag, 31. März 2022

Adam Hülseweh: Klunga und die Ghule von Köln

 
Illustration von Daniel Bechtold.
 

Nachkriegsarchitektur. Gerne Sichtbeton, Brutalismus – kennt gut, wer in Städten aufwuchs, die es im Krieg arg erwischt hat. Die Ruhr-Uni Bochum zum Beispiel, an der ich mich einst ein paar Semester rumgetrieben habe, ist ein wahres Schuckstück dieser Zeit. In Köln, wie ich nun gelernt habe, ist die Riphahn-Oper, nach ihrem Architekten benannt, ein solches Bauwerk. Von einigen heiß geliebt, von vielen gehasst, sollte dieser nicht wirklich pittoresk zu nennende Bau vor geraumer Zeit abgerissen und durch einen Neubau des Opernhauses ersetzt werden, was wohl billiger als eine Sanierung gekommen wäre. Mittweile haben Umbau und Begleitkosten mit einer Milliarde Euro schon das Vierfache der ursprünglich veranschlagten Summe verschlungen. Warum Köln trotzdem an der Sanierung festhält? Weil es neben der üblichen Bürgerinitiative auch andere, verborgene Kräfte im Untergrund der Stadt gibt, denen der Erhalt des Gebäudes am langsam schlagenden Herzen liegt. Sie haben gute Gründe.

Düsseldorf ist nominell zwar die Hauptstadt NRWs. Außer ein paar Schnöseln vom Niederrhein aber und den Düsseldorfern selbst mag die Medienstadt um die Kö herum eigentlich keiner so recht, und wer Düsseldorfer Boden betritt, tut dies meist nur, um von dort aus woanders hinzufliegen. Wie anders hingegen die Nachbarmetropole, die auch im fernen Ostwestfalen-Lippe noch gemocht wird, wenn auch am wenigsten ihres Bieres wegen! Die Kulturszene Kölns ist vielfältig und bodenständig, eine sichtbare Queer-Culture bildet mit dem sehr liberalen Rheinischen Katholizismus und karnevalesker Gemütlichkeit ein einzigartiges atmosphärisches Gemisch, die Sehenswürdigkeiten sind tatsächlich sehenswert und Verdamp lang her mag auch jeder. Möglich, dass der hier ansässige WDR durch die mediale Dauerpräsenz, die er seiner Heimatstadt angedeihen läßt, landesweit für diese fast amerikaneske Kulturhegemonie sorgt – aber wir wissen trotzdem längst nicht alles über die die fast 2000 Jahre alte Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Die einst römische Kolonie war nämlich auch schon immer Hauptstadt der Ghule, jener Untoten mit dem extrem langsamen Metabolismus. Anders als bei H.P. Lovecraft oder Geisterjäger John Sinclair sind Ghule im echten Leben aber ruhige und unaufgeregte Langzeitgenossen – wären da nicht die Vampire, die in der Domstadt einst aus einem dekadenten Mithraskult hervorgeganen sind. Sie sind den Ghulen körperlich haushoch überlegen und nähren ihre Unsterblichkeit ausgerechnet von diesen so gar nicht unsympathischen Leichenfressern, die sie in dauernder Knechtschaft halten. Und ausrechnet die vom Abriss bedrohte Riphahn-Oper ist nicht nicht nur Symbol des siegreichen Widerstandes über die blutsaugenden Unterdrücker, sondern seit ihrem Bau zu Nachkriegszeiten auch ein ganz realer Grabstein, an den man besser nicht rühren sollte.

Weder bin ich ein besonderer Fan von Lokal-Romanen noch von dem Genre Urban Fantasy – außer Neil Geimans Niemalsland mochte ich noch so hundertprozentig nix, was ich unter diesem Etikett verkauft bekommen habe. Und hätte auf Klunga und die Ghule von Köln nicht der Name Adam Hülseweh gestanden, wäre dieser hübsche 350-Seiten-Roman sicher an mir vorbeigegangen. Adam Hülseweh ist ein Pseudonym, hinter dem sich Ina Elbracht gemeinsam mit dem Historiker Alexander Schmalz vebirgt. Und wie erwartet, hat Frau Elbracht in ihrem unverwechselbaren Stil einen gleichermaßen witzigen wie verrückten, bizarren und gelegentlich verstörend brutalen Roman über den Kampf der Ghule um ihre Freiheit, den Kampf der Bürger/innen um ihre Oper und den schnöseligen Tristan um seine gefühlsverwirrte Julia geschrieben. Randvoll mit reichlich Historie vom Zenturio bis Adenauer, mit Lebenswegen von Guhlen und Menschen durch die Jahrhunderte und skurrilem Personal, laufen alle Fäden bei Klunga, jenem freundlichen, etwas verschrobenen Ghul von nebenan zusammen. Und Fäden gibt es viele; so viele, dass ich wie so oft bei Geschichten von Ina Elbracht staunen muss, wie das am Ende doch noch zu einer runden Sache wird: Songtexte, Kulturwissen, Anekdötchen, Alltagsleben, handfester Horror und ironischer Witz ergeben hier einen anregenden Roman voller Leben, Menschlichkeit und Phantasie, der mich lachend und staunend zurückläßt. Illustriert hat das Buch Daniel Bechtold, dessen morbide und detailgenaue Tuschezeichnungen nicht zum ersten Mal aufs Vortrefflichste mit Ina Elbrachts Sparchlust harmonieren.

Bleibt nur noch die Frage: Hätte diese einzigartige Mischung auch in Düsseldorf funktioniert? Keine Ahnung. An der Ruhr-Uni ganz sicher. Auch dort lebt bestimmt eine Kolonie von Troglodyten unterm Beton – eine neue Lieblingsspezies in den unendlichem Weiten der Phantastischen Literatur.

Montag, 6. September 2021

(ausserdem im august)

Wiedergelesen: Dass der olle Lucky Luke No. 38 - Jesse James ein Highlight der Reihe ist, hatte ich richtig in Erinnerung. Allein des legendären Intros wegen, das den Westernhelden beim Zigarettendrehen in allen Lebenslagen zeigt. Und auch Der Astronaut von Andy Weir ist so gut wie alle sagen. Muss ich dem ja nix mehr hinzufügen, außer dass ich durchaus etwas neugierig auf die Verfilmung mit Ryan Gosling bin, die in Bälde zu erwarten ist. Das grandiose Philopunk-Fanzine Lichtwolf  hat mit Nr 74 - Haut und Knochen einigen Aufsätzen ans Licht der Welt geholfen, die nicht gelesen zu haben mein Leben ärmer gemacht hätten, allen voran Bdolfs Betrachtungen zu Langzeitbeziehungssex und das Essay über Lichtnahrung. Das SF-Fanzine Neuer Stern (Doppelausgabe 72/73) hingegen besticht in erster Linie durch seine tollen Zeichnungen. Auf Textebene ist Ina Elbracht der entscheidende Kaufanreiz gewesen - ohne diese tolle Autorin hätte ich von dieser Rundschrift nie erfahren. Sie präsentiert eine erste Story von Froschbarbar Hermit, ihrem kommenden Großprojekt, das sie mit Illustrator Daniel Bechtold gestartet hat. Von der guten Fantasy-Story um den Schrei der Schmättterlinge und das (schon jetzt) gelungene Worldbuilding abgesehen, ist es vor allem der Sprachduktus des Helden, der Freude bereitet - mit etwas ungelenken Bandwurmsätzen versucht hier ein Draufgänger das Erzählen, dessen Talente sonst eher im Kämpferischen liegen. Klasse! Sprachlich ist natürlich auch E.T.A. Hoffmann immer wieder eine Wonne, dessen Meister Floh ich mir vorgeknöpft habe. Der ausufernde Kunstmärchen-Satire-Roman hat immer wieder tolle Szenen, es geht um Untote und ein Gedankenmikroskop, aber so ganz durchgeblickt habe ich irgendwie nicht. Das hat dem Lesespaß aber keinen Abbruch getan. Der Lesepaß lag auch in dem Clever-und-Smart-Extra Nr 12, 50 ct aufm Flohmarkt, wie zu erwarten, bei 100% - Filemon y Mortadella, wie das spanische Original heißt, haben meinen Humor schon früh geprägt bzw. versaut. Derbes aus der Zeit, als das Prügeln noch geholfen hat. Dem letzten Comic des Monats kann man da mehr Feinsinn, Ironie, Zeitgeist und Raffinesse nachsagen. Obwohl schon alt, kannt ich Herrn Hases haarsträubende Abenteuer von Lewis Trondheim noch nicht. Band 5 - Liebe und sonstige Kleinigkeiten war die Leihgabe einer in Geschmacksfragen absolut vertrauenswürdigen Person. Lese ich gerne weiter, danke für den Tipp!

Dienstag, 17. August 2021

Grins: Sommerferien!

 

Stolz wie Oskar - meine Widmung!
Gegrinst wird gern und ausgiebig im Groschenheft: Der Held grinst verlegen, als er sich zur Seite dreht – hat er doch die Heldin beim Bade überrascht. (Es folgt mit 98%iger Sicherheit eine Beschreibung ihrer i.d.R. „straffen“ Brüste.) Der Held kloppt trotz der aussichtslosen Situation einen flotten Spruch, begleitet von einem ungeholfenen Grinsen. Der Böse grinst ohnehin, meist hämisch oder diabolisch. Aber auch schmierig, schelmisch, verschwörerisch, lüstern, dämlich, trocken oder lediglich angedeutet wird gerne mal „das Gesicht zu einem Grinsen verzogen“, und in zweispaltig gedruckter Bahnhofsliteratur findet das auffallend häufiger statt als bei Suhrkamp und Co. Macht seine inhaltliche Elastizität diesen Gesichtsausdruck, unspezifisch wie er nun mal ist, zur bei Heftromanautor/innen so beliebten Stereotype? Sagt ein plumpes Grinsen am Ende ebenfalls mehr als tausend Worte, gleichwie seine hübschere Schwester, das Lächeln? Das spart dann ja auch Menge Platz im Heft.

Wie auch immer die Antwort lautet: Es ist schon ziemlich Meta, wenn Ganoven-Heinzi in der Kurzgeschichte Die Großen Alten würfeln nicht das im Zug vergessene Westernheftchen einsteckt – mit einem Grinsen! Diese kleine Inbesitznahme wird das Leben des Kleinkriminellen verändern, und wer Das Vexier von Vettseiffen gelesen hat, weiß auch, in welche bizarre Richtung die Lebensreise nun geht.

Die Großen Alten würfeln nicht von Ina Elbracht ist nicht der einzige Höhepunkt der zweiten Ausgabe von Cthulhu Libria Neo, einem ansehnlich dicken Weird-Fiction-Magazin bei BLITZ mit Anspruch und Vorgeschichte. Dem Schwerpunktthema Horror in Eisenbahnen gewidmet, erreicht zwar nicht jede Story das gleiche erzählerische Niveau, aber auch Der Ingenieur von Amalia B. Edwards und Die wahren Hintergründe des Unglücks am Gare Montparnasse von Markus Müller sind ziemlich gelungen. Eher trashig, das aber beeindruckend konsequent und daher ebenfalls extrem unterhaltsam ist Christopher Müllers Höllenzug. Fast interessanter als die meisten Shorts sind aber die Sachtexte, allen voran ein Betrachtung zu einem historischen Eisenbahnunglück, an dem Charles Dickens beteiligt war. Geschrieben hat diese spannende Analyse Thorsten Scheib, der ja auch gelegentlich ne Leserstory zur Heftromanserie meines Vertrauens raushaut. Auch Silke Brandt bin ich dankbar für den ausführlichen Einblick in das Schaffen von Stefan Grabinski, einem Autor, den ich bisher noch nicht auf dem Radar hatte, der sich aber wirklich interessant ausnimmt. Ganz schön üppig ist das Teil, und u.a. von Herausgeber Jörg Kleudtgen liebevoll illustriert. Da bin ich geneigt, die etwas zu häufigen Fehler im Drucksatz zu übersehen. Ich kreide dem Magazin aber dennoch an, dass es sich zu sehr im Nostalgischen suhlt, statt seine Tentakel auch mal in den Eisenbahnhorror der Gegenwart auszustrecken. Da gibt es doch sicher noch mehr Schröckliches zu entdecken als bloß Unpünktlichkeit und die Preise im Bordbistro. A propos, beruflich zog es mich zu Beginn der Sommerferien noch auf nen Abstecher in die Hauptstadt, und ich habe von meinem Urlaubsort aus (Nähe Nürnberg) alle Anschlüsse bekommen und auch sonst nix an der Deutschen Bahn AG zu meckern!

Dafür hatte ich in Berlin jede Menge Zeit, die ich als Puffer für die schon schicksalsergeben erwartete Verspätung eingeplant hatte. Wie sie totschlagen? Erfreulicherweise veranstaltete ein Comicladen in Kreuzberg eine Signierstunde mit Ralf König, die wunderbar in mein Zeitfenster passte. Seine Lucky-Luke-Hommage „Zarter Schmelz“ erschien just an jenem Wochenende, ist mega-mega-lustig und ich besitze ausserdem jetzt ein schönes Hardcover mit persönlicher Windmung, das mir die Rückfahrt über beste Laune bereitet hat.

Comics also habe ich auch einige gelesen, Liste siehe unten. Dieser Sommer sollte aber vornehmlich der Sommer der kurzen Form sein, so mein Vorhaben. Grund waren zahlreiche Bände mit Short Stories, die sich, ungelesen oder nur kurz durchgeblättert, neben meinem Kopfkissen zu einem mahnenden Turm angehäuft hatten und ihre Aufmerksamkeit fordeten. Teils druckfrisch, teils antiquarisch erworben. Doch ehe ich nach der Lektüre von Horror in Einsenbahnen dieses Vorhaben mit der unglaublich guten Mini-Novelle Klub Tropikal, ebenfalls von Ina Elbracht, fortsetzen konnte, schoben sich doch noch kackfrech zwei Romane dazwischen. Wetter war ja beschissen genug zum Viellesen.

Das 150-Seiten-Gedankenspiel Die nackten Wilden von Michael Lorenz aus dem Jahre 1982 und Chuck Palahniuks Romanerstling Fratze, im Original Invisible Monsters von 1999. Palahniuk ist mit der Romanvorlage zu Fight Club mit Brad Pitt und Edward Norton in den Hauptrollen bekannt geworden, meiner Meinung nach einer der großartigesten Filme, die ich überhaupt je gesehen habe. Die Folgeromane Der Simulant und Flug 2039, die ich im Nachgang gelesen hatte, habe ich zwar als ganz okay in Erinnerung, sie konnten aber meiner Begeisterung für den Autor keine zusätzliche Nahrung geben. Die Mängelexemplar-Bücherschütte im KODI offerierte mir nun pünktlich zum Sommeranfang Fratze für läppische 1,99 Euro. Ich kann mir nicht genug für diesen Impulskauf Schulter klopfen, das Teil ist wirklich klasse! Zwar hat Palahniuk als übereifriger Debütant das Ende des Romans mit einem Twist zuviel überfrachtet, das schmälert Gesamterlebnis aber kaum. Die Story um das Ex-Model Shannon mit dem weggeballerten Gesicht ist eine brutal komische Anti-Heldenreise. Es geht dabei irgendwie, sehr amerikanisch, um Selbstwerdung, Selbstverwirklichung und Selbstentwurf. Doch all das so verdreht, so böse und lustvoll zynisch, dass die altbekannte Geschichte in Palahniuks Zerrspiegel menschlicher und anrührender erscheint als vieles andere, das menschlich und anrührend sein will. „Was ich tun muss – einen so großen Scheiß bauen, dass ich mich nicht mehr retten kann,“ sagt Shannon. Und das tut sie dann auch. Furios! Dagegen hatte es Michael Lorenz mit seinem etwas angestaubten Gedankenexperiment natürlich schwer, anzustinken. Aber auch Die nackten Wilden war immerhin nett zu lesen, wenngleich seine Motive (friedliche Naturmenschen vs destruktives abendländisches Denken) auch in einem auf SF gepimpten Setting nicht gerade taufrisch daherkommen. Bemerkenswert immerhin, wie ernsthaft sich die deutsche Science Fiction der 80er an den Ökologiethemen der Zukunft abarbeitet, die jetzt, 30 Jahre später, Gegenwart werden. In diesem Sommer, in aller Brutalität, und das nicht nur in fernen Ländern.

Ein weiteres gutes Beispiel dafür ist da Arcane, das Helmut Wenske und Wolfgang Jeschke für das legendäre Hyene Science Fiction Label herausgaben und einige Autoren (gendern hier überflüssig) der Autoren der versammeln, um inspiriert von den surrealistischen Collagen des US-Künstlers Harry O. Morris jr., Erzählungen beizutragen. Man merkt dem dystopischen Buch die Zeit des kalten Krieges, die Zeit der ersten Warnungen vor einem Klimakollaps deutlich an. Vielleicht ist exakt in dieser Zeit der Bruch von einer positiv-utopistischen hin zu einer besorgt in die Zukunft blickenden SF zu suchen, wie sie heute nahezu die Regel ist. Indes: Gut die Hälfte von Arcane steht aber noch aus, und auch von Ray Bradburys Der illustrierte Mann (1951) habe ich nicht alles lesen können. Die Stories der Sammlung sind überwiegend gut gealtert, Der lange Regen und das melancholische Der Raumfahrer sind auch 70 Jahre später noch wahre Sahnestücke. Und aus dem Grossen Buch der Erotischen Phantastik, 1984 bei Bastei Lübbe erschienen, habe ich gar nur eine Erzählung geschafft. Die aber hat es in sich: Der Spanner von Harlan Ellison findet zwar aussschließlich in der Psyche zweier Menschen statt, erzählt aber so beklemmend und brutal von sexueller Ausbeutung und Rache, dass mir die Spucke weggeblieben ist. Eine Edition von Ellisons Short Stories steht bereits seit längerem auf meinem Wunschzettel, jetzt ist sie fällig!

Die drei Fabelhaften Geschichten von J.R.R. Tolkien verbreiten übrigens deutlich bessere Laune. Das dünne, phantasievoll illustrierte Taschenbüchlein bietet mit Bauer Giles von Ham ein zauberhaftes Kunstmärchen voller Witz und Poesie, überaus britisch erzählt. Giles von Ham schließt Bekanntschaft mit einem Drachen und wird schließlich König, das hat nicht annähernd die überladene Wucht vom Herrn der Ringe und erinnert in seinen geschmeidigsten Momenten an Oscar Wilde. Der Schmied von Großholzingen fängt ähnlich sophisticated an, mündet aber in einem assoziativen, schwer zu entwirrenden Traumgespinst, während Blatt von Tüftler eher eine Satire auf den Kunstbetrieb sein könnte. Hab ich sehr sehr gern gelesen, das Buch.

Auch kurz, aber non-fiction: Der – hm, Essay-Band Ein bisschen schlechter von Michel Houllebcq, topaktuell auf den Bestsellerlisten und eine vom Dumont-Verlag aufgeblasene Sammlung von Interviews und kurzen Textchen aus verschiedenen Zeitschriften und Austellungskatalogen, die Essays zu nennen ich schon reichlich vermessen finde. Indes: Der melancholisch-zynische Sound des Kettenrauchers macht immer wieder Spaß (sic!) zu lesen, und die titelgebende Betrachtung über die Auswirkungen der Pandemie auf unser gesellschaftliches Leben ist wirklich bitter und von gewohnter Qualität. Houllebecq begegnet den transformatorischen Erwartungen mit einem nüchternen: „Im Gegenteil, alles wird genauso bleiben wie es war. (…) Wir werden nach der Ausgangssperre nicht in einer neuen Welt erwachen; es wird dieselbe sein, nur ein bisschen schlechter.“ Wir haben die Utopien, die wir verdienen, und die Vereinsamung schreitet voran.

Ein (überraschend) melancholischer Grundton durchzieht auch die Novelle Klub Tropikal von Ina Elbracht. Oder nistet dieser Sound bloss in meinem inneren Ohr, ist ein Nachhall von Houllebecq, dessen Tourismusroman Plattform mich seinerzeit (15 Jahre ist das sicher her...) aufs Heftigeste beeindruckt hat? In Klub Tropikal geht es ebenfalls um einen Touristenort. Irgendwo in der struppigen Hitze einer griechischen Insel hat die Protagonistin dieser wundersamen Erzählung Familienangelegenheiten zu erledigen: Vaters letzer Wille war es, die Pacht einer Grabstätte zu verlängern. Eine Formalie, die man sich doch mit ein wenig Familienurlaub versüßen kann – bis die Geister einer rätselhaften Vergangenheit sich Bahn brechen, sich Mann und Tochter auf merkwürdige Weise entfremden und die verdrehte Zeit (oder der Wahnsinn?) wie ein langsamer, aber beharrlicher Mahlstrom aus Treibsand das Mittelmeeridyll in eine sanfte Hölle verwandelt. Ina Elbracht hängt die unterschiedlichsten Bilder und Motive in ein empfindliches Mobilé und bläst behutsam hinein, das Ergebnis ist ein beinahe unglaublicher Tanz aus klassischer Gruselgeschichte, Groteske und Formexperiment. Whams Dritthit Club Tropicana findet darin ebenso einen Platz wie ein Märchenwald – bezaubernd! Ich habe zwar nur das ebook gelesen, aber schon hier läßt sich ersehen, wie liebevoll und sinnfällig das Büchlein (im KOVD-Verlag erschienen) ausgestattet und -gestattet ist. Ich werde es wohl jemandem schenken müssen, um es mal physisch durchblättern zu können. Im Zweifel mir selbst... ;-)

Und mit einem ambivalenten Grinsen verabschiede ich mich von einem Sommer, der nicht gerade abenteuerreich und außerdem ziemlich verregnet war. Aber mein Haus ist nicht abgesoffen, der Wald nebenan nicht verbrannt, ich bin nicht an der Delta-Variante erkrankt und keine religiösen Terroristen haben meine Nachbarschaft eingenommen. Mal gucken, was der Rest des Jahres noch so bringt.

Sommercomics: Ralf König, Zarter Schmelz – Lucky Luke weidet lila Kühe und verteidigt gemeinsam mit Calamity Jane die Rechte von LGBTQ+-Personen, hier: Steckrüben. Sehr zeitgemäß und tierisch lustig. / Christophe Bec & Stefano Raffaele: Prometheus 14 &15 – Die verlorenen Seelen & Das Dorf. Nach längerer Atempause starte ich den zweiten Zyklus der überladen-aber-geilen Endzeit-Opera. Die Zivilisation liegt in Trümmern, doch ein paar Figuren aus Zyklus 1 haben das Alien-Armageddon überlebt. Man bildet Gemeinschaften, forscht, sucht Antworten. Wir Leser sind zwar mit den Hintergründen vertraut, doch alles wissen wir auch noch nicht. Die Zeichnungen sind wie immer eine Wucht, tief und detailreich. / Weissblech-Comics: Hammerharte Horror-Schocker #60 und Luba Wolfsschwanz #1 – Levin Kurio ist immer die erste Adresse, wenn es um die Sorte Comic-Trash geht, den Bastei schon lange nicht mehr verlegen mag. Invasion der Monster-Zecken von The Lep ist eine unverschämt witzige Parodie auf die Neue Normalität unserer Tage, und die vier Geschichten um die Tochter der Tundra und ihre Begleiterin sind ein Sex-und-Gewalt-Vergnügen ersten Ranges, das ich unbedingt weiterverfolgen werde. / Loisel, Peter Pan 1 (London) & 2 (Die Insel) – Eine späte Entdeckung dank Antiquariat! Der Zustand der Alben ist zwar etwas ranzig, aber ich hab auch nur 4 Euro bezahlt. Ein grandioser Zeichner, eine grandiose Serie, die ich sicher in naher Zukunft komplettieren und mich hernach ausführlich darüber auslassen werde. Blut und Brüste, adults only, diese Vorgeschichte zu den allseits bekannten jugendfreieren Ereignissen um den Jungen, der nicht erwachsen werden wollte. / Sowie Something ist Killing the Children Vol 3, .auf Englisch schon zu haben. Dieser Band schließt einen ersten Kreis der Geschichte um Monsterjägerin Erica Slaughter und der sinistren Familie, deren Teil sie ist. Die Netflix-Verfilmung ist für Winter 2022 angekündigt, der Erfolg ist vorprogrammiert.


Ach so, und 3 Bände meiner Heftchenserie wären auch noch zu begackern. Hab ich per Leserbrief erledigt und reiche den nach, sobald er dort abgedruckt wird.

Samstag, 8. Mai 2021

In Gottes Achselhöhle

Adam Hülseweh
Wie könnte es anders sein - irgendwann muss es runter in den Keller gehen. Wer je Lovecraft gelesen  oder das Pen&Paper Call Of Cthulhu gespielt hat, weiß genau, wo ihn/sie das unbeschreibliche Grauen, der Showdown und der garantierte Wahnsinn des Protagonisten erwarten: In den Gängen und Stollen, den unterirdischen Schächten und Kathedralen -  überall dort halt, wo die kosmischen Götter ihren Schlummer halten, bei dem man sie besser nicht stört. 

Das Vexyr von Vettseiffen ist mein erster Nahkontakt mit dem Blitz-Verlag aus Windeck in der Nähe von Bonn, der mir durch liebevolle Fortschreibung und Pflege der Pulp-Kultur sowie durch seine interessanten Serien schon mehr als einmal ins Auge gefallen ist. Doch erst mußte Ina Elbracht, deren Roman Pentimenti mich letztes Jahr schlicht begeistert hatte, ihr Alter Ego Adam Hülseweh einen Beitrag zur Reihe H.P.Lovecrafts Schriften des Grauens verfassen lassen, damit ich dort mal was ordere. Meine Erwartung war dementsprechend hoch - das Lesevergnügen ebenfalls!

Die Eifelstadt Monschau in den 60ern. Es riecht nach Weinbrand und der alten BRD. Weil bereits die ersten lauen Brisen, die einer noch weit entfernte Globalisierung vorausgehen, den familiengeführten Textilbetrieb gefährlich ins Schwanken bringen, wird der Filius ins ungemütliche Kaff Vettseiffen geschickt, wo es gilt, die Tante um Kapital anzuschnorren, deren Groschenheftverlag reiche Gewinne abwirft. Dort angekommen, wo die Fachwerkhäuser beisammenstehen, "als wollten sie ein schadhaftes Gebiss imitieren" und die Vorhänge "die Farbe aufgegebener Träume" haben, muß Hans Scheibler erst einmal eine plötzliche Krankheit auskurieren. Und ehe er merkt, wie ihm geschieht, ist der junge Mann mit dem Hang zu altmodischer Sprache und zurückhaltenden Manieren Gefangener eines Ortes, in dem es ganz und gar nicht mit rechten Dingen zugeht.

Manche Leute haben ein warmes Gefühl für die kalten Dinge, heißt es an einer Stelle in Elbracht/Hülsewehs Schauerroman, der sich in Struktur und Duktus durchaus am Meister orientiert, aber doch sehr eigenständig und vor allem auch sehr witzig ist. Witzig zumindest für alle, die es morbide mögen - Ina Elbracht ist das oben genannte Gefühl ohne jeden Zweifel zu attestieren. Seien es die liebevollen Beschreibungen von Menschen, Orten oder Nippes-Objekten, der wunderbare Spannungsaufbau, die verspielten und doch immer auf den Punkt gebrachten Verbindungslinien zwischen den erzählerischen Motiven (von den amüsanten Werbeanzeigen in alten Groschenheftchen bis hin zu den Namesnähnlichkeiten von Fischen und Landmarken) - die Autorin ist in diesem Genre voll ihrem Element. Ihre Phantasie scheint keine Grenzen zu kennen, ihre erzählerische Kunstfertigkeit hingegen bündelt die überschäumende Erzähllust zu einer stringenten und an keiner Stelle beliebigen Geschichte, auch zu einer kritischen Verneigung vor dem genialen Menschenfeind Lovecraft. 

Anders als dessen Fischerdorf Innsmouth ist Vettseiffen vor Inzucht sicher, denn hier wird nicht geboren, sondern lediglich zugezogen und schließlich gestorben. Oder auch nicht. Das wird ungefähr zur Hälfte des Romans klar, wo das Motiv vom Vexierbild (für Nutella-Fans der 80er: Wackelbild) auch formal aufgegriffen wird. Ab da ist kein Halten mehr; was vorher ironisches Gruseln war, wird nun waschechter Horror und ganz sicher keine Story für schwache Mägen. Wie auch in Pentimenti jongliert die Autorin mit vielen Plot-Bällen gleichzeitig, und es ist ein großer Spaß zu erleben, wie keiner davon runterfällt, als wir schließlich in die Katakomben des Dorfes und näher an des Rätsels Lösung gelangen. Mit einem Lochkartenrätsel liefert das rund 200 Seiten umfassende Taschenbuch sogar noch ein spielerisches Element mit, obendrein sorgt ein versierter Umgang mit Sprache für unverbrauchte Bilder und eine enorme Leselust!

Montag, 28. Dezember 2020

Ina Elbrachts PENTIMENTI ist ein weirder Ritt durch Kunst und Country.

Tuschezeichnung D. Bechthold

Ina Elbracht, Jahrgang 81, lebt in Köln und hat bisher ein paar Geschichten in Anthologien sowie zwei Bücher veröffentlicht. Eines davon ist Pentimenti, das in limitierter Stückzahl bei Wurdack erschienen ist und angesichts der Qualität von Story und Stil längst ausverkauft sein sollte, wäre diese Welt eine gerechte. Ins Auge gefallen ist mir der gut 170 Seiten umfassende Kurzroman durch die ungewöhnliche Titelillustration von Daniel Bechthold, das eine Art Ratte mit Facettenohren und teils spinnengleichen Extremitäten zeigt, die einer darmschlingenartigen Spiralwulst entsteigt. Ohnehin sind Bechtolds Tuschezeichnungen, mit denen Pentimenti reich bestückt ist, eine Augenweide. Wenn auch eine finstere. Kleinteilig, atmosphärisch, oft hynothisch und immer sehr eigenwillig, anziehend und gleichzeitig befremdend bebildert Bechtold Elbrachts Erzählung um den Kunstmaler Adam, dessen Werk wider Willen zur MOMA-tauglichen Avantgarde wird. 

Pentimenti bezeichnen in der Kunst nachträgliche Korrekturen des Malers an seinem Werk. Ina Elbracht fügt ihre Story aus drei Teilen zusammen, die den Wesenkern ihrer Erzählung erst am Ende freilegen, wenn sich wie bei einem rätselhaften Puzzle zusammenfügt, was lange unlösbar schien. Bereits für sich genommen hat jede dieser Handlungsscherben ihren eigenständigen Reiz. Da ist der knorrige Kunstmaler und seine liebenswerte Muse Eva, deren Tun erst durchschaubar wird, als es zu spät ist. Da ist der Möchtegernhippie, der auf seinem Roadtrip in eine für Touristen nachgebaute Westernstadt gerät, mit der entschieden etwas nicht stimmt. Und die Kunststudentin Holly, die lange Zeit später jenes Grauen gebiert, das von Anfang an in der Geschichte geschlummert hat. Über all diesem liegt die Verbindung zu einem Haus im Wald irgendwo im Hessischen, und das Hessische selbst, das Provinzielle, das zu gleichen Teilen liebenswert und rückständig durch alle Kapillare des Buches mäandert, sogar bis nach Manhattan, in das Herz der Welt.

Hessen ist nicht Innsmouth, und Ina Elbracht ist nicht H.P. Lovecraft, denn ihr Schreiben ist leicht und witzig, ihre Figuren sind Menschen aus Fleisch und Blut. Doch ihre wundersames Gruselmärchen spielt ein gelungenes Spiel auf der gleichen Klaviatur: Daß da irgendwo in Innern der Zeit noch etwas Unvorstellbares geduldig schläft, das nur noch auf einen Geburtshelfer wartet. 

Das Buch bei Wurdack

Der Künstler Daniel Bechthold