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Mittwoch, 14. September 2022
LW #6 - Von Meerenfüchsinnen und Trollmeistern
Montag, 29. August 2022
(ausserdem im august)
Der Sommer war sehr groß, kann man wohl sagen - angesichts der Trockenheit und Hitze auch ein Anlass, mich lesetechnisch mit mehr politischem Klimawandel-Kram einzudecken. Den acker ich dann aber erst durch, sobald das Wetter wieder regnerischer wird. Und im Anschluß teile ich schließlich der Welt mit, was wir jetzt tun sollten!
Zwischen Freibad und Biergarten war dann auch nur Platz für wenige Ausflüge in die Welt der leichten bis ganz leichten Muse: Lewis Trondheims Herr Hases Hases haarsträubende Abenteuer Band 8 zum Beispiel - Die Farbe der Hölle. Eine tolle, federleichte, irgendwie sehr offene Comic-Erzählung über schräge Typen, verbissene Aktivisten und Liebesbeziehungen, die unverhofft zu eng werden. Durch mein unchronologisches Lesen bin ich ja leider schon gespoilert, dass Nadja und Herr Hase sich trennen werden. Gar nicht gut für meine romantschen Nerven.
Comics, Comics, Comics: Hammerharte Horror-Schocker #65 bringt den Schleim zurück, wie schon im Vorgängerband ist die zweite Story besser als die Titelgeschichte: Der Todesengel von Luxor von Michael Musal und Nina Beier hat eine tragische Wendung und fängt aufs Herrlichste das nostalgische BASTEI-Gespenstergeschichten Feeling ein. Seltsam? Aber so steht es geschrieben.... - Der Haken ist der vorletzte Band von Regis Loisels famoser Peter-Pan-Adaption und haut kurz vorm Grande Finale noch ne steile These raus: Ist gar Hook der Vater des Jungen, der nicht erwachsen werden wollte? - Und in Something Is Killing The Children Band #22 und #24 bekommt es Erica mit Intrigen im eigenen Haus sowie mit einem Gestaltwandler zu tun, der sein Maul im Magen hat. Fies.
Eher überflüssig fand ich dagegen "I can't relax" von Anja Kümmel und Jenny Schäfer, erschienen bei SuKuLTuR, wo es irgendwie um Überwachungstechnologie und so gehen soll. In dem performativ-akademisch-selbstverliebten Textgeblubber verbirgt sich bei näherem Hinsehen nicht ein einziger aufregender Gedanke, aber dafür viel Blabla, das die Bubble ja so mag. Zum Glück gibt es noch Maddrax, und mit Band 444 - Das Pulsarium servierte Oliver Fröhlich schon 2017 eine für 2022 sehr zeitgemäße Fantasygeschichte - Energieverschwendung, Gier, Krise, Sparzwang ... - eingebettet in ein herrlisch trashiges Setting mit Eremit und Monsterhummern. Geil. Genauso wie das Interview mit der Co-Autorin Madleine Puljic, die ich für ihren PR-Roman Feind der Harthäuter sehr schätze.
Sonntag, 7. August 2022
Will the Circle be unbroken? - Sommer '22
Ohne Maddrax is' auch keine Lösung. Zwar hatte ich mich zu einer Lesepause von drei Ausgaben verdonnert, denen ich mich dann am Ende des Sommers am Stück widmen kann. Weil ich meinen Fokus ein wenig auf andere Lektüren legen wollte. Ein Vorsatz mit Hintertür, denn er bezog sich ja nur auf die aktuelle Serie. Ältere Bände der geilsten Groschenromane der Welt buhlten nämlich nun verstärkt um meine Aufmerksamkeit, folgenden Heftchen wurde sie denn auch zuteil: MX366 - Tausend Jahre wie ein Tag von Sascha Vennemann, MX27-Ruf des Blutes von Timothy Stahl und MX443 -Die Erleuchteten von Jo Zybell. Vennemanns Beitrag changiert zwischen Iron Sky, Indie Jones und der Grundidee von Philip K. Dicks "Orakel vom Berge": Das nationalsozialistische Deutschland hat seinen Kampf gewonnen und eine arische Diktatur etabliert. Allerdings in einer Parallelwelt, die nun dank eines Artefakts auf der uns vertrauten postapokalytischen Erde auftaucht. Sensibles Thema, überbordende Satire: Reichsflugscheiben, ein durchgeknallter GröFaz, ein Robo-Adolf, dazu kaum einsatzfähige Reichsflugscheiben... eine gelungene Gratwanderung! Ebenfalls ein Conspiracy-Sujet, ebenfalls witzig und unterhaltsam, im direkten Vergleich jedoch ein eher harmloses Vergnügen: Jo Zybell dreht das Reptiloidenthema im Ringweltsystem auf den Kopf, weil die reptilienhaften Messisianer nun die Humanoiden fürchten. Das Personal hat Namen wie Puudin und Edoan, die Hauptstadt der Schwurbler heisst Schwurb'laa, das heilige Buch der Sekte trägt den Namen Dr. Axel Stolls. Tränen gelacht. Und "Der Ruf des Blutes" ? Der Blick zurück zeigt, wie sich gut, aber auch wie anders die Serie in ihren Anfängen war: Die Story um eine Nosfera-Jägerin und ihre jugendliche Community überrascht mit zwei Wendungen und geht (trotz oder wegen?) ihres simplen Strickmusters mehr an die Emotionen denn ans Zwerchfell. Von der Komplexität heuter Geschichten weit entfernt.
Wo wir schon bei Emotionen sind: Der Lichtwolf ist für mich eine der besten Entdeckungen der letzten Zeit, ich habe sogar - klarer Verstoß gegen einen eherne Vorsatz - über ein Abo nachgedacht. Klar: Für Publizierende, besonders für jene, die mit kleinen geilen Druckerzeugnissen die Nischen meines literarischen Interesses ausleuchten, sind abgeschlossene Abos Gold wert, weil sie Planungssicherheit ermöglichen. Allerdings hab ich dann keines gebucht. Und plötzlich der Knall: In Ausgabe Lichtwolf #74 mit dem bezeichnenden Schwerpunkt Weitermachen! kündigt Herausgeber Hieronimus Schneidergger das Ende der 22jährigen Geschichte des Philo-Fanzines an. Ein Grund, das lässt er ganz klar durchblicken: Zuwenig verlässliche, regelmäßige Leserschaft. Viel Frust, finanzielle Einbußen. Offenbar Zeit, den Wolf wieder zurück in die Steppe zu lassen. Mehr als bedauerlich. Hätte mein Abo das Blatt vielleicht wenden können? Bei den Zahlen, die Schneidegger in einer betriebswirtschaftlichen Bilanz freimütig abdruckt, frage ich mich das ernsthaft.
Im Innern des Lichtwolfes dann wieder viele lesenwerte Artikel. Im Angesicht der kommenden Einstellung des Periodikums scheinen sie mir eindringlicher als sonst. Besonders Marc Hieronimus' Essay "Weitermachen? Bloss nicht!" ist ein finsterer Blick in den Abgrund, auf den unsere Hyperkonsum-Zivilisation verblüffend unbeirrt zurast. Dabei bezieht er sich auf die Arbeit des Philosophen und Theologen Ivan Illic ("Meine Arbeit ist ein Versuch, mit großer Traurigkeit die Tatsache der westlichen Kultur zu akzeptieren"), den er ausfühlich vorstellt. Kommt die große Einsicht von selbst? Ein Gespräch mit einer jungen FFF-Aktivistin im vergangenen Mai, an deren Name ich mich bedauerlicherweise nicht mehr erinnern kann, hat mich tagelang mit Hoffnung erfüllt. Die Waldbrände während meines Sommerurlaubs und die Tonnen von Plastikmüll, die am Ferienort produziert wurden, haben mir einen deprimierenden Dämpfer verpasst. Und ich war nur in Südfrankreich, nicht in Brasilien oder Mumbay. Den höllischen Kreis von Wachstumswirtschaft und Ausbeutung von MEnschen und Ressourcen zu durchbrechen wird bedeuten, sich auf ein radikal anderes Leben einstellen zu müssen. "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass," ist sicher kein funktionierendes Motto. - Auch herrlich, witzig, interessant oder inspirirend in dieser Ausgabe: Die Vorstellung des Alternativwolfs, Michael Helmigs Blick auf die antike Strömung der Bewegungsleugner anlässlich eines Athen-Besuchs, Ewgeny Kasakows True-Unrechtsstaat-Thriller um den polnischen Mehrfach-Staatsfeind Sobolewsky.
Kackendreist: Druckfrisch und vom Feuilleton bejubelt hat sich Andrea Abreu mit ihrem Debut So forsch, so furchtlos auf meinem Lesestapel vorgedrängelt, denn es verbindet mehrere Motive, für die ich nicht nur generell empfänglich bin, sondern nach denen mir zur Zeit auch besonders der Appetit steht: Provinz, Prekariat, Pubertät. Und Südeuropa - Die vier P's also, wenn ich das vom Ende des Worts dazumogeln wöllte. Abreu erzählt das schmerzhafte Zerbrechen einer Mädchenfreundschaft auf Tenerriffa. Allerdings nicht an den küstennahen Urlaubsorten, wo die Eltern von Isora und ihrer Freundin, der Ich-Stimme, schuften müssen, sondern im Innern der Insel. Ihr Dorf ist die Hänge des Vulkans gebaut. Eine Begegnung mit einem blonden Touristenmädchen, das sich aus ihrem Resort in die struppige Wildnis der Vulkaninsel locken lässt, gehört dann auch zu den rätselhaftesten Szenen des Buches. Im Mittelpunkt steht aber ganz klar das sexuelle Erwachen der beiden Mädchen. Unberechtigt ist der Jubel um diesen kurzen Roman tatsächlich nicht: Der Sound ist eigensinnig, derb fäkal und sehr poetisch, Haupt- und Nebenfiguren zum Verlieben und Verzweifeln, die Atmosphäre ist schwül, drückend, abenteuerlich. Allerdings versaut das Ende einiges, da es einer erzählerischen Konvention aus der Mottenkiste folgt: Eins der Mädchen, natürlich das enfant terrible des Duos, die angebetete Isora, kommt ums Leben, als sie sich trotzig aus der Enge ihrer Umgebung losreißt und ohne Rücksicht auf die schüchterne Freundin ihre Chance ergreift, den Sehnsuchtsort "Meer" zu erreichen. Oh sorry das war ein Spoiler. Aber ich bin auch ein bisschen sauer, weil es bis dahin so gut war.
Nehme ich das hier tatsächlich mit an den Strand? Ina Elbrachts Beitrag zur "Grusel Thriller"-Reihe in Jörg Kleudgens BLITZ-Verlag schien mir erst gar nicht so recht in die Jahreszeit zu passen, aber weil Papageien drin vorkamen, konnte sich trotzdem ein sommerliches Lesefeeling einstellen. Das Taschenbuch (mit Blutschloss-samt-Fledermaus-Logo sowie Coverbild von Pulp-Legende Sieber-Lonati äußerst stimmig aufgemacht) hatte lange genug auf dem Stapel gelegen; außerdem mag ich Ina Elbrachts Bücher. Das Ding war also reif. In Der Todesengel lerne ich zunächst nicht die Hauptfigur Helene kennen, eine erfolglose Immobilienmaklerin am Rande der Verzweiflung, sondern lese, wie das Mädchen Gerda Grope von einer rätselhaften Unbekannten in den Weltkriegswirren des zerbomben Köln gerettet und schließlich an Kindes statt angenommen wird. Später wird sie mir als Helenes verschrobene und stinkreiche Auftraggeberin, der Nachnahme ergänzt um ein vornehmes "von", wiederbegegnen. Da stelle ich als Leser zwar erste Verbindungslinien her, doch was die Autorin tatsächlich im Schilde führt, merke ich erst, wenn es zu spät ist - für Helene. Denn einfach und gradlinig ist in dieser Geschichte mit ihren drei Zeitebenen erstmal nichts. Mit viel schriftstellerischer Ironie gemahnt zwar die schnodderige Art der Heldin an die Bahnhofsliteratur vergangener Tage - "Der Todesengel" ist hingegen ein Treppenturm aus Motiven, Hinweisen, Szenen und Handlungen, das leicht weg zu lesen ist, aber nachhaltig wirkt. Ein Papageienanwesen nebst seltsamer Dienerschaft, das Motiv des Überschminkens, die Verwirrung der Begriffe und eine alternative Deutung der Kölner Richmodis-Sage - es ist die große Kunst von Ina Elbacht, ihre Erzählung mit Leichtigkeit und Sprachwitz, aber auch mit drastischen Horrorszenen bis zur Auflösung in der Spannung zu halten. Mit dem Lüften des Geheimnisses aber ist es in einem echten "Grusel Thriller" noch nicht getan. Helene muss am Ende versuchen, einen dämonischen Kreislauf zu durchbrechen, da gehört sie sich schon nicht einmal mehr selbst. Zum Finale wird es also nochmal richtig spannend.
Ein bisschen weniger spannend, dafür ergreifend und witzig ist Caravan, im englischen Original "Two Caravans" von Erfolgsautorin Marina Lewyca. Hab ich als recht zerlesenes Exemplar auf dem Campingplatz aus dem Regal gefischt und bin nicht weniger als beglückt von diesem Fund. Die ukrainischstämmige Britin Lewyca ist mir natürlich mehr als einmal auf den Stapeltischen der Buchhandlungen begegnet, zum Kauf gereizt hat mich ihr Bestseller Eine Geschichte des Traktors auf Ukrainisch aber nicht. Zehn Jahre hat dessem Nachfolger Caravan mittlerweile auf dem Buckel. Die Geschichte um eine Gruppe von Erntehelfer/innen, ihrer Flucht durch England, ihrer Zersplitterung und ihr Finden unterschiedlicher Erkenntnisse, Glücksmomente und Zukunftsaussichten ist konsumierbar geschrieben, entwickelt jedoch mehr Tiefgang, als der Anfang auf der Erdbeerfarm vermuten lässt. Der nämlich verbreitet mit seinem dicken Bauern und der Hackordnung innerhalb der multikulturellen Zwangsgemeinschaft noch ein typisch britisches Wallace&Gromit - Feeling: Skurril, aber harmlos. Doch mit fortschreitender Handlung entfaltet die Autorin ein gesellschaftliches Panorama, das neben vielen Themen auch die Zerrissenheit der ukrainischen Bevölkerung zwischen prorussischen und prowestlichen beleuchtet -aktuell und erhellend. Arbeiterklasse, Klimakrise, Globalisierung und Ausbeutung - Lewyca bohrt sich mit großer Menschlichkeit in die Kernkonflikt unserer Zeit. (s.a. David Goodhart!) Eine extrem gewinnbringende Lektüre!
Aus unserer beliebten Kolumne Comics & Sachbuch:
David Goodhart - The Road to Somewhere, ein offenbar in Großbritannien recht umstrittenes Buch, das in eine ähnliche altlinke Kerbe schlägt wie hierzulande die Wagenknecht. Streitbar, aber argumentativ auch in (m)einem akademisch-woken (früher: salonlinken) Umfeld nicht von der Hand zu weisen. Trotzdem eher quergelesen als sorgfältig studiert.
Herrn Hases Haarsträubende Abenteuer No.7 - Ganz im Ernst von Lewis Trondheim fand ich im Vergleich zu den anderen Bänden etwas nichtssagend, daran konnten auch die skurrilen Interviewpartner von Hases Freundin nix ändern. Das Herr-Hase-Reboot Die neuen Abenteuer des Herrn Hase No.1 - Eine bessere Welt - wir haben die 90er verlassen und es gibt mittlerweile Smartphones mit Dating-Apps - ist hingegen wirklich spitze! Ungewöhnlich stringent erzählt - Herr Hase will sich korrekt verhalten und löst einen verheerenden Polizeieinsatz aus. Mit bitteren Anklängen an das Bataclan-Massaker in Paris 2015.
Lange habe ich auf die dritte Ausgabe der TSVEYFL - Dissensorientierte Zeitschrift mit dem Schwerpunkt Anarchismus und Autonomie warten müssen. Hat sich unterm Strich so halb gelohnt, wenn ich M.F.J. Schnetkers "Die Freiheit, die sie meinen" und F. Schuhs "Digital selves, digital work & digital labor" als gelungenste von insgesamt sieben Aufsätzen zu Grunde lege.
Abschließend ein gescheitertes Vorhaben: Mit Jack Karouaghs Big Sur bin ich ganze 14 Seiten weitergekommen und hab mittlerweile wohl komplett den Rückholfaden verloren. Und auch andere Lesepläne für die nun verflossenen Ferien bleiben wohl noch länger aufm Eis. Zum Glück werden sie mir nicht weglaufen! Denn nun, der Jahreskreis wird sich ja wohl nicht ändern, kommt ja der Herbst und mit ihm weniger Ablenlung durch Freibad und Beachbar.
Dienstag, 3. Mai 2022
(ausserdem im april)
Mit Batmans Schönheit - Chengs letzter Fall von Heinrich Steinfest ist mir der vorläufige Abschluss einer Krimireihe über den Weg gelaufen. Vorläufig, weil es wohl mittlerweile einen fünften Fall gibt, was den hier letzten Fall zum vierten macht. Mit Krimis hab ich es nicht allzu sehr, aber was mich hier bei der Stange gehalten hat, waren die Spachlust des Autors und die zahlreichen voll zitierfähigen Bonmots über meinen eigenen Berufsstand: Die Opfer eines Serienkillers sind Schauspieler/innen aus dem theaterverliebten Wien. Eine Vergangenheit, die nur teilweise seine ist, holt Ex-Privatdetektiv Cheng ein, allein die Rückblende wäre als Novelle ein Fünf-Sterne-Read für sich. Später wird es aber ziemlich Meta, da haben Kenner der Reihe sicher mehr davon. Doch dass der erste Band der Cheng-Reihe, erschienen bei einem "großen Verlag für kleine Bücher" (mit Zinne!) Erwähnung findet, macht mich neugierig genug, mir das Ding antiquarisch zu besorgen.
Bleibt noch jener Berliner Aktivist mit dem netten Pseudonym Kristjan Knall, der die Republik permanent mit ellenlangen ebooks überzieht, teil kostenlos. So wie dieses: Transhumanismus - ein Survival Guide ist eine extrem polemische Abrechnung mit irgendwie so links-alternativen technikskeptischen Bullerbü-Positionen, also so ungefähr meiner. Sehr unterhaltsam, teils tatsächlich bedenkenswert, ausnahmsweise mal eine linke statt eine kapitalismusunkritische Sicht auf das komplexe Thema Transhumanistische Mythologie. Ernährungstipps für ein langes Leben, möglichst bis zum Erreichen von Ray Kurzweils Singularität, stehen auch drin, wie nett.Ob Knall den Quatsch wirklich glaubt, den er Seite um Seite da aufs Unterhaltsamste rausballert, ist mir im Grunde wurscht. Ich, so als Individuum, sterbe einfach irgendwann, und es wird köstlich gewesen sein.
Freitag, 15. April 2022
TOTEM
Wieder eine späte Entdeckung. Mikael Ross ist ein fantastischer, vielseitiger Zeichner, dessen Bilder ich sicher noch oft betrachten werde, jetzt, da er auf meinem Radar aufgetaucht ist. Er hat bereits 2016 TOTEM von Nicolas Wouters in Szene gesetzt, und diese eigenwillige, dunkle, menschliche Pfadfinder-Kindheitsgeschichte drängt sich mir mit so intensiven, emotionalen und lebensbejahenden Illustrationen ins Herz, dass ich meine Begeisterung nicht verhehlen kann und will. Dass ich meine Kindheit selbst bei den Pfadfindern verbracht habe und mir diese vorpubertäre Melange aus Freiheit, Natur und Abenteuer, aber auch Gruppenzwang, Verschrobenheit und Traditionalismus noch immer wohlig wie Waldboden in den Nasenflügeln sitzt, mag dazu beigetragen haben, dass die Geschichte um Louis voll erwischt hat. Louis muss seinen Sommer in einem Zeltlager in den Ardennen verbringen, während sein Bruder mit einer lebensbedrohlichen Krankheit kämpft. Doch irgendwas stimmt nicht mit diesem Wald, und irgendwas stimmt auch nicht mit dieser Gruppe. Erst als er sich unvermittelt in einen Fuchs verwandelt, kann er in die Tiefen seiner Seele und der Natur vorstoßen.
Düster-poetisch schwingende Szenarien: Eine Totemfeier, ein entlaufener Gepard, ein dümmliches Männlichkeitsritual. Dazu eine Art unbestimmte, lichte Traurigkeit. Die Themen, die Wouters in seiner atmosphärischen Geschichte verhandelt, kann Ross in magischen Bildern einfangen. Krakelige Schraffuren ergänzen sich mit präzisen Kompositionen zu hochemotionalen Kunstwerken, jedes Panel eine eigene Welt. Dazu kommt mit der Gruppenleiterin Rotfink eine tolle Figur, die mit Reenie-Look und taffer Selbstsicherheit eine Art Waldläuferin-Vorbild für den verwirrten Louis ist. Und doch so sehr mit ihrem Übergang ins Erwachsensein kämpfen muss wie der Junge mit dem Weg ins Jugendlichenalter. Wie er setzt sie sich selbst auf Spiel, und den entscheidenden Schritt gehen sie gemeinsam.
Danke, Wouters, Ross, und Avant-Verlag, für diese packende Graphic Novel!
Donnerstag, 31. März 2022
(ausserdem im märz)
Verflucht! - das zweite von Herrn Hases Haarsträubenden Abenteuern (Lewis Trondheim) ist ein schön schräger Gegenentwurf zum LTB. Jahrzehnte zu spät von mir entdeckt, werde ich garantiert noch mehr aus der Comicreihe lesen, wie ich es mit Weissblechs Horror-Schockern regelmäßig tue. Die zu Monatsbeginn erschienene Nummer 63 hat mit der Titelstory Von Aliens entführt einen surrealen Trip im Angebot, und auch die beiden anderen Stories wissen zu gefallen.
Auch trashig, aber leider nicht so richtig geil ist der 89. Band der BASTEI Heftchenreihe Gespenster-Krimi. Minni Kromer, eine junge Autorin, gibt sich hier die Ehre - ich hätte mir den Band wohl nicht gekauft, wäre ihr Name nicht beim letzten Maddrax-Online-Stammtisch gedroppt worden. Eine Neue im Autorenteam? Eher ein Gerücht, aber sollte es so kommen, wäre sie mir natürlich aufs Herzlichste willkommen! Schreiben kann sie flüssig und gut, und wer Angst vor Klischees hat, ist beim Heftroman eh nicht richtig aufgehoben. Und so eine schöne Prämisse hatte Zahn um Zahn! Zahnwechsel im Kinderheim - wer Nachwuchs hat oder anderer Leute Nachwuchs pädagogisch betreut, weiss um die Bedeutsamheit dieser Phase im Leben eines kleinen Menschen. Stolz, Angst, Eigensinn, Selbstständigkeit, Verunsicherung, Trotz - der Zahnwechsel markiert das Ende des ersten Jahrsiebts, wie Anthroposoph/innen es recht zutreffend beschreiben. Dieses körperliche Ereignis, eine kleine Pubertät, Aufhänger für eine gute Horrorstory sein zu lassen: Eine tolle Idee von Minnie Kromer! Das Ding fängt auch locker und unterhaltsam an, bietet zunächst mit einem Veganrestaurant einen humorträchtigen Schauplatz und sympathisches Personal auf, versandet dann aber in einer recht belanglosen Geister-und- Besessenheitsgeschichte. Schade - das maximal geschmacklose Cover aber wurde vom Larry-Brent-Heft Atomgespenster (Nr.106) recycelt und ist denn doch ein versöhnender Bad-Taste-Höhepunkt.
Kein Bad Taste, sondern so richtig Literaturliteratur und trotzdem gut: Die Anomalie von Hervè Tellier. Ein Interkontinentalflug landet am JFK. Das Flugzeug hat unterwegs heftige Turbulenzen durchgemacht. Monate später landet es erneut: Derselbe Flieger, dieselben Passagiere. Alle sind sie nun doppelt: Die schwangere Anwältin, der Killer, der Popstar ... Ein Fall für den Geheimdienst, das FBI und das streng geheime Protokoll 42, das eigentlich nur als Nerd-Scherz von Wissenschaftler/innen gemeint war. Telliér spielt mit Motiven der Spannungs- und Trivialliteratur und überführt sie in ein seltsames Gesellschaftspanorama: Ich bin doppelt. Was fange ichbloß mit mir an? Dazu eine extrem lesenswerte Spekulation über Realität und Simulation und, was das Beste ist: Der Autor ist sich nicht zu fein, eine tatsächlich spannende Story zu plotten. Jetzt schon ein Höhepunkt des Lesejahres 2022, da bin ich mir sicher.
Montag, 21. Februar 2022
Wie Klein-Erica gelernt hat, was es heute braucht
Eisner-Award, ein erstes Spin-off namens House of Slaughter und eine angekündigte Netflix-Verfilmung, die laut Hollywood Reporter unter der Regie von Mike Flanigan entstehen soll: Something is killing The Children, die 2019 kurz vor Pandemieausbruch debütierte Comicserie von James Tynion IV (Text) und Werther Dell'edera (Zeichnungen), ist eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Noch beeindruckender, wenn man sich vor Augen führt, daß die Handlung zwar durchaus spannend erzählt ist, aber wenig Originelles bietet: Nur Kinder können jene gefräßigen Monster sehen, die von latenter gesellschftlicher Angst an die Ränder menschlicher Siedlungen gelockt werden. In instinktgetriebener Brutalität metzteln sie ihre menschliche Beute und verschleppen die Kleinsten in ihre Höhlen im Wald. Die Jägerinnen und Jäger dieser Kreaturen, die an Mischwesen aus Heuschrecken und Skorpione erinnern, sind ebenfalls keine Sympathieträger. In ihrem Saint-George-Geheimorden herrschen überdies rauhe Sitten.
Zu Jahresbeginn ist der vierte Sammelband erschienen, der die Einzelhefte 16 bis 20 vereint und erstmals in bester Origin-Manier die Vorgeschichte von Erica Slaughter beleuchtet, die die Leserschaft im abgeschlossenen, 15 Ausgaben umfassenden Auftakt kennenlernen durfte. Sie wird von ihrer künftigen Mentorin, im Blut sitzend, aufgefunden. Ihre Eltern und ihre beste Freundin sind tot – doch der Kadaver des Untiers, das sie auf dem Gewissen hat, geht auf ihre Rechnung. Und weil die empathielose Erica ein besonderes Talent zur Jägerin zeigt, ist sie im Orden genau richtig. Saint George will dieses blonde, scheinbar kaltblütige Mädchen unbedingt haben – die Probe zur Aufnehme in den Orden aber ist ein Spiel auf Leben und Tod...
Also alles bekannte Versatzstücke, zu teenagertauglichem Horror montiert. Wenn eine TV-Bearbeitung die eigentliche Faszination der Serie einfangen will, wird eine seichte Verfilmung á la Locke & Key zwangsläufig scheitern müssen. Denn in erster Linie sind es die Zeichnungen von James Tynion IV sowie die expressive Farbgebung von Miquel Muerto, die dem eigentümliche Reiz von SIKTC zu Grunde liegt. Zwar ohne allzu experimentell mit sämtlichen Konventionen zu brechen, sind die Episoden so rau und atemlos gezeichnet, als säßen Tynion seine Kreaturen höchstselbst im Nacken. Manchmal hastig hinschraffiert, dann großflächig blutbespritzt, verbreiten auch auch die detailreicheren Panels jederzeit einen Sog, als bliebe keine Zeit mehr: Zu groß ist die Bedrohung.
Zunächst nur als Import zu haben, ist eine deutsche Übertragung bei SPLITTER für Juni 2022 angekündigt.
Die Vorgänger-Bände:
Bei Phantastik-News: https://phantastiknews.de/index.php/rezensionen/21912-something-is-killing-the-children-1-bis-3-comic
1 - https://buecherbums.blogspot.com/2020/12/scheitern-und-verstehen.html
2 - https://buecherbums.blogspot.com/2021/02/something-is-killing-children-vol-ii.html
3 - https://buecherbums.blogspot.com/2021/08/grins-sommerferien.html
Freitag, 28. Januar 2022
Triple-Trash aus dem Weißblech Wonderland
Immer wieder schön, wenn ich mir einmal im Quartal meine Lieferung Trash aus dem Comic-Laden abhole. Wobei "Trash" im Grunde eine zu despektierliche Wortwahl ist für das, was Levin Kurio mit seinem kleinen feinen Weissblech-Verlag für die Pflege einer Heftchenkultur leistet, die spätestens mit der Einstellung von BASTEIs "Seltsam? Aber so steht es geschrieben...." - GespensterGeschichten untergegangen zu sein schien.
Das ambitionierte Projekt "Die Nacht der reitenden Leichen" nach dem gleichnamigen spanischen B-Movie ist da noch die enttäuschendste Ausbeute des vergangenen Herbstes. Was weder an den stimmungsvollen s/w-Tuschen von Marc Gras noch an dem - wie immer! - liebevoll editierten Großformat liegt, sondern am Storytelling. Zu hektisch wird hier der Inhalt des Kultstreifens runtererzählt und das war es dann auch schon. Schade.
Die neue Hammerharte Horrorschocker stellt die extralange Erzählung Quell des ewigen Todes in den Mittelpunkt, die der Chef selbst angerichtet hat. Zu meiner vollsten Zufriedenheit: Die geschichtsträchtige Story um Göttinen, Dämonen, Kulte und Gier hat mit Brüsten, Blut und einem guten Turning Point alles, was mich bei Weissblech begeistert. Nicht anders geht es mir mit der (noch) aktuellen Ausgabe von Luba Wolfsschwanz -Tochter der Tundra. Die Serie ist noch jung, aber ich bin erklärter Fan der ersten Stunde. Ist die Titelstory zwar etwas mau, so gefallen die beiden anderen mir umso besser. Die Wolfsschwänzin auf ihrem erbarmungslosen Rachefeldzug durch eine barbarische Fantasy-Welt ist und bleibt ein ganz großer Wurf von Eckart Breitschuh!
Bücherbums bei Tiktok: https://www.tiktok.com/@buecherbums/video/7058173271556115718?is_from_webapp=1&sender_device=pc&web_id7053825307773650438
Samstag, 25. Dezember 2021
(ausserdem im dezember)
Abgesehen davon, dass der Zufall mir die aktuelle Weihnachtsausgabe des guten alten KNAX in die Hände gespült hat, in dem die zweite Story um den Campingausflug des Papageis Ringo tatsächlich recht witzig ist, hat der Lesemonat nicht viel ergeben. Die dicken Herausforderungen liegen immer noch halbgelesen auf Treppenabsätzen, Nacht- und Schreibtischen im ganzen Haus herum und warten auf Zuwendung. Stattdessen schmalere Kost: Zum vierten Mal im Leben las ich den Steppenwolf. Jetzt, wo ich genauso alt bin wie der Protagonist Harry Haller, und zudem ähnlich genervt, müde gefrustet und abgefuckt von der Pandemie, der Weltlage, der Gesellschaft, den Medien (t.b.c), kann ich verdammt viel damit anfangen. Und auch mit der Perspektive, dass der Humor mich retten könnte. Was er ja auch gelegentlich tut. Dass alles kommt bei Hermann Hesse gewohnt pathetisch und verschwatzt daher, stört mich aber kaum. Manchmal brauche ich sowas offenbar.
Als Comic beglückte mich der vierte Band von Loisels Peter Pan - Prequel sowie der Bücherschrankfund Elternalltag von Clodwig Poth. Mit letzterem verbinde ich vor allem die Cartoonsammlung Mein progressiver Alltag, die mich, auf dem Couchtisch meines großen Bruders liegend, als Kind wahnsinnig fasziniert hatte. Mein Bruder hatte schon eine eigene Wohnung, einen tollen Bart, merkwürdige Platten, Bücher von Karl Marx und coole Freunde, die selbstgedrehte Zigarretten rauchten und klug und lässig und witzig waren und die Welt verändern wollten. Poth wollte das auch mit seinen herrlich schlampig gezeichneten Bildergeschichten. Hier geht es also ums Elternsein. Also auch um mich. Einiges ist anders geworden seit 1977, doch das meiste an Erziehungsstress sieht heute nur ein bisschen anders aus. Und der Junge, der nicht erwachsen werden wollte? In Die Rote Hand erfahren wir, wie der Wecker ins Krokodil, Hook zu seinem Haken, Peter zu seinem Namen und die Verlorenen Jungs ins Nimmerland kamen. Erotisch, böse, tragisch und definitiv nix für Kinder, dabei gewohnt grandios gezeichnet.Für den Maddrax-Band 569 hatte ich keine Zeit, als er damals herauskam. Jetzt habe ich Ian Rolf Hills Die Brut nachgeholt und fühlte mich bestens unterhalten von Haaley und dem merkwürdigen Geschöpf, das aus dem Tachyonen-Skorpok vom Vorgänger-Zyklus geworden ist. Und wo ich schon mit Heftroman-Nachholen beschäftigt war, hab ich mir auch gleich die (geliehenen) UFO-Akten zur Brust genommen. Versehentlich gleich Teil 2, Flug 19 -Verschollen von Carter Jackson. Klischeehafte Figuren, abgenutzte Plot-Bausteine, unbefriedigendes Ende. Dennoch flott und unterhaltsam geschrieben. Vielleicht nicht der letzte Roman der Reihe, den ich lese, schaunmermal.
Montag, 6. Dezember 2021
(ausserdem im november)
Ähh, wenn man ganz viel zu tun hat - dann beim Weg zur Arbeit oder Renovieren oder Möbelaufbauen Hörbuch hören, gildet das auch als gelesen? Billy Summers jedenfalls, der neue Stephen King, hat fast 20 Stunden gesprochenenes Wort zu bieten, das sind in echt sicher viele Seiten, und die hätte ich nie im Leben gelesen. Vermutlich. Soll ja der beste King seit langem sein, und das Hören des Romans war klasse.
David Nathan liest fürwahr ganz toll, der Verlag schreibt gar auf das CD-Cover: kongenial. Das finde ich ein bisschen derb auf die Kacke gehauen. Der Killer-Thriller jedenfalls ist tatsächlich ziemlich gut, besonders das letzte Drittel. Da nimmt die vorhersehbare, aber dafür toll erzählte Story doch noch ein paar ungeahnte Wendungen. Ebenfalls nur gehört und für recht amüsant befunden: The Stranger Times von C.K. McDonnel. Nen dicken Wälzer hab ich dafür endlich zu einem glücklichen Ende geführt: Der Butt von Günther Grass ist zwar gut 250 Seiten zu lang, dafür aber eine irre Achterbahnfahrt durch die Geschichte der Deutschen, des Essens, der Emanzipation der Frau von Neolitikum bis heute. Voller Sprachwitz, toller Einfälle und großer Klappe. Marcel Reich-Ranicki fand es sein schlechtestes Buch, ich kann mich dieser Einschätzung trotz ermüdender Längen nicht anschließen. Der rote Faden der Mündigkeit aus dem Papyrossa-Verlag hingegen ist eine irgendwie marxistisch-küchenpsychologisches Kompendium ohne großen Erkenntniswert und mit der simplen Botschaft, dass Charakterstärke zu zeigen zwar notwendig, aber aus Gründen (Kapitalismus etc.) nicht immer leicht ist. Lohnt nicht. Die Storysammlung Gegen Unendlich 16, herausgegeben von SF-Club Deutschland bei p.machinery, weiss aber durchaus zu gefallen, auch wenn ich einen absoluten Knüller vermisse. Die Brille, Loris Wunderland, Aufwachen und das Kunstmärchen Der Gaukler und die Hexe sind aber absolut solide Relativhöhepunkte aus der Kategorie "Gesundes Mittelmaß". Ein wahrer Höhepunkt des Lesemonats ist unangefochten die unfassbar geniale Coming-Of-Age-Graphic-Novel BLACK HOLE von Charles Burns. Danke, D., für den Tipp! Eine abgefahrene Prämisse, ergreifende Tuschezeichnungen in brutalem schwarz-weiß, Überraschungen auf jeder Seite.Montag, 1. November 2021
(außerdem im september/oktober)
Montag, 6. September 2021
(ausserdem im august)
Freitag, 20. August 2021
Taffe Tundratochter (& mehr)
Luba Wolfsschwanz, Tochter der Tundra - diese Comicserie bietet so ziemlich genau das, was ihrTitel verheißt. Gestaltet und präsentiert gewohnter Weißblech-Hingabe zum Trash, von Eckart Breitschuh mit klarer Line gezeichnet und in satten Farben koloriert, setzt Heft 2 die "spektakuläre erste Ausgabe" (O-Ton Verlag) vom Sommer lückenlos mit einem in sich geschlossenen Zweiteiler fort.
Besagte Luba durchstreift die Provinzen der Welt Avara, deren Phantastik überwiegend von der Zeit der griechisch-römischen Antike inspiriert ist. Begleitet wird die slawisch-herbe Schwertschwingerin dabei von Gelata, ehemalige Gespielin eines Mitglieds des dritten Battalions der avarischen Armee. Das hat, weit im Nordosten des Kontinents, ihr gesamtes Dorf niedergemäht und die Barbarin für Gladiatorenkämpfe in der Haupstadt versklavt. Nun sinnt sie auf Rache, und die lange Liste, die Gelata dabei abzuhaken hat, bildet den roten Faden einer Serie, die absolut das Potential hat, Dauerbrenner zu sein. Auch wenn die 4 Short Stories des Auftaktbandes erzählerisch etwas raffinierter aufgebaut waren, macht "Im Tal der blutigen Blumen" dennoch Spaß. Statt Rückblenden und ähnlicher Mätzchen einfach doppelt soviel Sex und Brüste, passt schon.Zeitgleich serviert Weißblech-Mastermind Levent Kurio Heft 61 seiner Hammerharten Horror-Schocker. Der Maitre himself richtet mit Der Mumienwurm die Titelstory an, Debütant Mario Öller legt mit Die Gerechtigkeit der grossen Wälder eine psychologisch interessante, toll gezeichnete Miniatur hin. Mein persönlicher Höhepunkt ist aber Schwergewicht von Falko Kutz und Carsten Dörr. Eine trotz ihrer krassen Überzeichnung nahegehende Geschichte mit überraschendem Slasher-Finale. Die Bilder erinnern mich in ihrer Rundheit und aquarelligen Koloration an einen Zeichener des guten alten MAD MAGAZINES, dessen Name ich beim besten Willen nicht mehr auf die Reihe kriege.
Zweimal Grusel-Trash aus gutem Haue, Herz, wat willze mehr?
Dienstag, 17. August 2021
Grins: Sommerferien!
Gegrinst wird gern und ausgiebig im Groschenheft: Der Held grinst verlegen, als er sich zur Seite dreht – hat er doch die Heldin beim Bade überrascht. (Es folgt mit 98%iger Sicherheit eine Beschreibung ihrer i.d.R. „straffen“ Brüste.) Der Held kloppt trotz der aussichtslosen Situation einen flotten Spruch, begleitet von einem ungeholfenen Grinsen. Der Böse grinst ohnehin, meist hämisch oder diabolisch. Aber auch schmierig, schelmisch, verschwörerisch, lüstern, dämlich, trocken oder lediglich angedeutet wird gerne mal „das Gesicht zu einem Grinsen verzogen“, und in zweispaltig gedruckter Bahnhofsliteratur findet das auffallend häufiger statt als bei Suhrkamp und Co. Macht seine inhaltliche Elastizität diesen Gesichtsausdruck, unspezifisch wie er nun mal ist, zur bei Heftromanautor/innen so beliebten Stereotype? Sagt ein plumpes Grinsen am Ende ebenfalls mehr als tausend Worte, gleichwie seine hübschere Schwester, das Lächeln? Das spart dann ja auch Menge Platz im Heft.
Wie auch immer die Antwort lautet: Es ist schon ziemlich Meta, wenn Ganoven-Heinzi in der Kurzgeschichte Die Großen Alten würfeln nicht das im Zug vergessene Westernheftchen einsteckt – mit einem Grinsen! Diese kleine Inbesitznahme wird das Leben des Kleinkriminellen verändern, und wer Das Vexier von Vettseiffen gelesen hat, weiß auch, in welche bizarre Richtung die Lebensreise nun geht.
Die Großen Alten würfeln nicht von Ina Elbracht ist nicht der einzige Höhepunkt der zweiten Ausgabe von Cthulhu Libria Neo, einem ansehnlich dicken Weird-Fiction-Magazin bei BLITZ mit Anspruch und Vorgeschichte. Dem Schwerpunktthema Horror in Eisenbahnen gewidmet, erreicht zwar nicht jede Story das gleiche erzählerische Niveau, aber auch Der Ingenieur von Amalia B. Edwards und Die wahren Hintergründe des Unglücks am Gare Montparnasse von Markus Müller sind ziemlich gelungen. Eher trashig, das aber beeindruckend konsequent und daher ebenfalls extrem unterhaltsam ist Christopher Müllers Höllenzug. Fast interessanter als die meisten Shorts sind aber die Sachtexte, allen voran ein Betrachtung zu einem historischen Eisenbahnunglück, an dem Charles Dickens beteiligt war. Geschrieben hat diese spannende Analyse Thorsten Scheib, der ja auch gelegentlich ne Leserstory zur Heftromanserie meines Vertrauens raushaut. Auch Silke Brandt bin ich dankbar für den ausführlichen Einblick in das Schaffen von Stefan Grabinski, einem Autor, den ich bisher noch nicht auf dem Radar hatte, der sich aber wirklich interessant ausnimmt. Ganz schön üppig ist das Teil, und u.a. von Herausgeber Jörg Kleudtgen liebevoll illustriert. Da bin ich geneigt, die etwas zu häufigen Fehler im Drucksatz zu übersehen. Ich kreide dem Magazin aber dennoch an, dass es sich zu sehr im Nostalgischen suhlt, statt seine Tentakel auch mal in den Eisenbahnhorror der Gegenwart auszustrecken. Da gibt es doch sicher noch mehr Schröckliches zu entdecken als bloß Unpünktlichkeit und die Preise im Bordbistro. A propos, beruflich zog es mich zu Beginn der Sommerferien noch auf nen Abstecher in die Hauptstadt, und ich habe von meinem Urlaubsort aus (Nähe Nürnberg) alle Anschlüsse bekommen und auch sonst nix an der Deutschen Bahn AG zu meckern!
Dafür hatte ich in Berlin jede Menge Zeit, die ich als Puffer für die schon schicksalsergeben erwartete Verspätung eingeplant hatte. Wie sie totschlagen? Erfreulicherweise veranstaltete ein Comicladen in Kreuzberg eine Signierstunde mit Ralf König, die wunderbar in mein Zeitfenster passte. Seine Lucky-Luke-Hommage „Zarter Schmelz“ erschien just an jenem Wochenende, ist mega-mega-lustig und ich besitze ausserdem jetzt ein schönes Hardcover mit persönlicher Windmung, das mir die Rückfahrt über beste Laune bereitet hat.
Comics also habe ich auch einige gelesen, Liste siehe unten. Dieser Sommer sollte aber vornehmlich der Sommer der kurzen Form sein, so mein Vorhaben. Grund waren zahlreiche Bände mit Short Stories, die sich, ungelesen oder nur kurz durchgeblättert, neben meinem Kopfkissen zu einem mahnenden Turm angehäuft hatten und ihre Aufmerksamkeit fordeten. Teils druckfrisch, teils antiquarisch erworben. Doch ehe ich nach der Lektüre von Horror in Einsenbahnen dieses Vorhaben mit der unglaublich guten Mini-Novelle Klub Tropikal, ebenfalls von Ina Elbracht, fortsetzen konnte, schoben sich doch noch kackfrech zwei Romane dazwischen. Wetter war ja beschissen genug zum Viellesen.
Das 150-Seiten-Gedankenspiel Die nackten Wilden von Michael Lorenz aus dem Jahre 1982 und Chuck Palahniuks Romanerstling Fratze, im Original Invisible Monsters von 1999. Palahniuk ist mit der Romanvorlage zu Fight Club mit Brad Pitt und Edward Norton in den Hauptrollen bekannt geworden, meiner Meinung nach einer der großartigesten Filme, die ich überhaupt je gesehen habe. Die Folgeromane Der Simulant und Flug 2039, die ich im Nachgang gelesen hatte, habe ich zwar als ganz okay in Erinnerung, sie konnten aber meiner Begeisterung für den Autor keine zusätzliche Nahrung geben. Die Mängelexemplar-Bücherschütte im KODI offerierte mir nun pünktlich zum Sommeranfang Fratze für läppische 1,99 Euro. Ich kann mir nicht genug für diesen Impulskauf Schulter klopfen, das Teil ist wirklich klasse! Zwar hat Palahniuk als übereifriger Debütant das Ende des Romans mit einem Twist zuviel überfrachtet, das schmälert Gesamterlebnis aber kaum. Die Story um das Ex-Model Shannon mit dem weggeballerten Gesicht ist eine brutal komische Anti-Heldenreise. Es geht dabei irgendwie, sehr amerikanisch, um Selbstwerdung, Selbstverwirklichung und Selbstentwurf. Doch all das so verdreht, so böse und lustvoll zynisch, dass die altbekannte Geschichte in Palahniuks Zerrspiegel menschlicher und anrührender erscheint als vieles andere, das menschlich und anrührend sein will. „Was ich tun muss – einen so großen Scheiß bauen, dass ich mich nicht mehr retten kann,“ sagt Shannon. Und das tut sie dann auch. Furios! Dagegen hatte es Michael Lorenz mit seinem etwas angestaubten Gedankenexperiment natürlich schwer, anzustinken. Aber auch Die nackten Wilden war immerhin nett zu lesen, wenngleich seine Motive (friedliche Naturmenschen vs destruktives abendländisches Denken) auch in einem auf SF gepimpten Setting nicht gerade taufrisch daherkommen. Bemerkenswert immerhin, wie ernsthaft sich die deutsche Science Fiction der 80er an den Ökologiethemen der Zukunft abarbeitet, die jetzt, 30 Jahre später, Gegenwart werden. In diesem Sommer, in aller Brutalität, und das nicht nur in fernen Ländern.
Ein weiteres gutes Beispiel dafür ist da Arcane, das Helmut Wenske und Wolfgang Jeschke für das legendäre Hyene Science Fiction Label herausgaben und einige Autoren (gendern hier überflüssig) der Autoren der versammeln, um inspiriert von den surrealistischen Collagen des US-Künstlers Harry O. Morris jr., Erzählungen beizutragen. Man merkt dem dystopischen Buch die Zeit des kalten Krieges, die Zeit der ersten Warnungen vor einem Klimakollaps deutlich an. Vielleicht ist exakt in dieser Zeit der Bruch von einer positiv-utopistischen hin zu einer besorgt in die Zukunft blickenden SF zu suchen, wie sie heute nahezu die Regel ist. Indes: Gut die Hälfte von Arcane steht aber noch aus, und auch von Ray Bradburys Der illustrierte Mann (1951) habe ich nicht alles lesen können. Die Stories der Sammlung sind überwiegend gut gealtert, Der lange Regen und das melancholische Der Raumfahrer sind auch 70 Jahre später noch wahre Sahnestücke. Und aus dem Grossen Buch der Erotischen Phantastik, 1984 bei Bastei Lübbe erschienen, habe ich gar nur eine Erzählung geschafft. Die aber hat es in sich: Der Spanner von Harlan Ellison findet zwar aussschließlich in der Psyche zweier Menschen statt, erzählt aber so beklemmend und brutal von sexueller Ausbeutung und Rache, dass mir die Spucke weggeblieben ist. Eine Edition von Ellisons Short Stories steht bereits seit längerem auf meinem Wunschzettel, jetzt ist sie fällig!
Die drei Fabelhaften Geschichten von J.R.R. Tolkien verbreiten übrigens deutlich bessere Laune. Das dünne, phantasievoll illustrierte Taschenbüchlein bietet mit Bauer Giles von Ham ein zauberhaftes Kunstmärchen voller Witz und Poesie, überaus britisch erzählt. Giles von Ham schließt Bekanntschaft mit einem Drachen und wird schließlich König, das hat nicht annähernd die überladene Wucht vom Herrn der Ringe und erinnert in seinen geschmeidigsten Momenten an Oscar Wilde. Der Schmied von Großholzingen fängt ähnlich sophisticated an, mündet aber in einem assoziativen, schwer zu entwirrenden Traumgespinst, während Blatt von Tüftler eher eine Satire auf den Kunstbetrieb sein könnte. Hab ich sehr sehr gern gelesen, das Buch.
Auch kurz, aber non-fiction: Der – hm, Essay-Band Ein bisschen schlechter von Michel Houllebcq, topaktuell auf den Bestsellerlisten und eine vom Dumont-Verlag aufgeblasene Sammlung von Interviews und kurzen Textchen aus verschiedenen Zeitschriften und Austellungskatalogen, die Essays zu nennen ich schon reichlich vermessen finde. Indes: Der melancholisch-zynische Sound des Kettenrauchers macht immer wieder Spaß (sic!) zu lesen, und die titelgebende Betrachtung über die Auswirkungen der Pandemie auf unser gesellschaftliches Leben ist wirklich bitter und von gewohnter Qualität. Houllebecq begegnet den transformatorischen Erwartungen mit einem nüchternen: „Im Gegenteil, alles wird genauso bleiben wie es war. (…) Wir werden nach der Ausgangssperre nicht in einer neuen Welt erwachen; es wird dieselbe sein, nur ein bisschen schlechter.“ Wir haben die Utopien, die wir verdienen, und die Vereinsamung schreitet voran.
Ein (überraschend)
melancholischer Grundton durchzieht auch die Novelle Klub Tropikal
von Ina Elbracht. Oder nistet dieser Sound bloss in meinem inneren
Ohr, ist ein Nachhall von Houllebecq, dessen Tourismusroman Plattform
mich seinerzeit (15 Jahre ist das sicher her...) aufs Heftigeste
beeindruckt hat? In Klub Tropikal geht es ebenfalls um einen
Touristenort. Irgendwo in der struppigen Hitze einer griechischen
Insel hat die Protagonistin dieser wundersamen Erzählung
Familienangelegenheiten zu erledigen: Vaters letzer Wille war es, die
Pacht einer Grabstätte zu verlängern. Eine Formalie, die man sich
doch mit ein wenig Familienurlaub versüßen kann – bis die Geister
einer rätselhaften Vergangenheit sich Bahn brechen, sich Mann und
Tochter auf merkwürdige Weise entfremden und die verdrehte Zeit
(oder der Wahnsinn?) wie ein langsamer, aber beharrlicher Mahlstrom
aus Treibsand das Mittelmeeridyll in eine sanfte Hölle verwandelt.
Ina Elbracht hängt die unterschiedlichsten Bilder und Motive in ein
empfindliches Mobilé und bläst behutsam hinein, das Ergebnis ist
ein beinahe unglaublicher Tanz aus klassischer Gruselgeschichte,
Groteske und Formexperiment. Whams Dritthit Club Tropicana
findet darin ebenso einen Platz wie ein Märchenwald –
bezaubernd! Ich habe zwar nur das ebook gelesen, aber schon hier läßt sich ersehen, wie liebevoll und sinnfällig das Büchlein (im KOVD-Verlag erschienen) ausgestattet und -gestattet ist. Ich werde es wohl jemandem schenken müssen, um es mal physisch durchblättern zu können. Im Zweifel mir selbst... ;-)
Und mit einem ambivalenten Grinsen verabschiede ich mich von einem Sommer, der nicht gerade abenteuerreich und außerdem ziemlich verregnet war. Aber mein Haus ist nicht abgesoffen, der Wald nebenan nicht verbrannt, ich bin nicht an der Delta-Variante erkrankt und keine religiösen Terroristen haben meine Nachbarschaft eingenommen. Mal gucken, was der Rest des Jahres noch so bringt.
Sommercomics: Ralf König, Zarter Schmelz – Lucky Luke weidet lila Kühe und verteidigt gemeinsam mit Calamity Jane die Rechte von LGBTQ+-Personen, hier: Steckrüben. Sehr zeitgemäß und tierisch lustig. / Christophe Bec & Stefano Raffaele: Prometheus 14 &15 – Die verlorenen Seelen & Das Dorf. Nach längerer Atempause starte ich den zweiten Zyklus der überladen-aber-geilen Endzeit-Opera. Die Zivilisation liegt in Trümmern, doch ein paar Figuren aus Zyklus 1 haben das Alien-Armageddon überlebt. Man bildet Gemeinschaften, forscht, sucht Antworten. Wir Leser sind zwar mit den Hintergründen vertraut, doch alles wissen wir auch noch nicht. Die Zeichnungen sind wie immer eine Wucht, tief und detailreich. / Weissblech-Comics: Hammerharte Horror-Schocker #60 und Luba Wolfsschwanz #1 – Levin Kurio ist immer die erste Adresse, wenn es um die Sorte Comic-Trash geht, den Bastei schon lange nicht mehr verlegen mag. Invasion der Monster-Zecken von The Lep ist eine unverschämt witzige Parodie auf die Neue Normalität unserer Tage, und die vier Geschichten um die Tochter der Tundra und ihre Begleiterin sind ein Sex-und-Gewalt-Vergnügen ersten Ranges, das ich unbedingt weiterverfolgen werde. / Loisel, Peter Pan 1 (London) & 2 (Die Insel) – Eine späte Entdeckung dank Antiquariat! Der Zustand der Alben ist zwar etwas ranzig, aber ich hab auch nur 4 Euro bezahlt. Ein grandioser Zeichner, eine grandiose Serie, die ich sicher in naher Zukunft komplettieren und mich hernach ausführlich darüber auslassen werde. Blut und Brüste, adults only, diese Vorgeschichte zu den allseits bekannten jugendfreieren Ereignissen um den Jungen, der nicht erwachsen werden wollte. / Sowie Something ist Killing the Children Vol 3, .auf Englisch schon zu haben. Dieser Band schließt einen ersten Kreis der Geschichte um Monsterjägerin Erica Slaughter und der sinistren Familie, deren Teil sie ist. Die Netflix-Verfilmung ist für Winter 2022 angekündigt, der Erfolg ist vorprogrammiert.
Sonntag, 13. Juni 2021
Beglückend: Aristophania Band 3 - Die Morgenrot-Quelle
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| Aus dem Bonusteil: Tuschezeichnung |
Es ist vor allem das riesige Vergnügen, in die Bilderwelt dieses Vierteilers einzutauchen, das Aristophania für mich aus der Masse herausstechen lässt. Egal ob in Actionsequenzen oder eher poetischen Bildern, Joel Parnotte ist ein Magier der Tuschezeichnung. Stets ausdrucksstark und detailverliebt, arbeitet er ausgiebig mit klassischen Schraffurtechniken, die seinen Landschaften und Figuren neben Tiefe und Lebendigkeit auch eine ganz besondere Aura verleihen: Als sei jedes Bild noch im Entstehen und könnte schon beim nächsten Lesen ein anderes sein. Grandios! Auch die stimmige und reichhaltige Colorierung von Bruno Tatti verdient eine eigene Erwähnung.
Ein Werkstatteinblick rundet das – wie immer bei SPLITTER – wertige Gesamtbild ab und erhöht die Vorfreude auf den abschließenden Teil, Der rote Berg.
Dienstag, 6. April 2021
Alan Moores Cinema Purgatorio: Berufsalltag mit Monstern
Sie sind mitten unter uns, aber keiner merkt es. Wir, das heißt in diesem Fall: Wir Einwohner/innen von NYC. Und sie sind die Gestalten, die seit eh und je unsere dunkle Phantasie beflügeln. Sowie die Phantasie des Films, denn Alan Moores Comicreihe Cinema Purgatorio ist ja vor allem eine Hommage ans Genrekino: Vampire, Zombies, Werwölfe, Tentakelmonster und Seelen, die keine Ruhe finden. Freaks also im Halloweenkostüm, denkt da der Alltagsmensch in Brooklyn und Manhattan, wenn er sich überhaupt noch was denkt angesichts der schieren Menge merkwürdiger Gestalten in U-Bahnen und Häuserschluchten. Nur wer täglich mit ihnen zu tun bekommt, ist eingeweiht, doch zur Verschwiegenheit verpflichtet. Die Polizei beispielsweise, oder - und hier nähern wir uns der Prämisse von Code Pru - die Rettungssanitäter/innen, die sich beispielsweise um suizidgefährdete Vamire kümmern müssen, die sich in ihrer Verzweiflung dem Sonnenlicht aussetzen oder mit Knoblauch vollstopfen. Prudence Slapweather und ihr Kollege Eric stehen also in vorderster Front, wenn es daraum geht, ausgebüxte Zombies einzufangen, Mumiengötter neu zu bandagieren oder den Geist eines beim Onanieren verstorbenen Trauerklosses zu bannen, damit das Appartment wieder bezugsfertig für die glückliche Familie werden kann.
Prudence selbst ist nur kurz von der neuen Realität überfordert, mit der sie sich als Berufsanfängerin konfrontiert sieht. Soeben einer Wohngemeinschaft mit nervigen Goth-Girls entkommen, erlebt sie nun, dass Monster auch nur so was wie Menschen sind, deren Wehwechen und Problemchen man irgendwie lösen kann, meistens zumindest. Und wenn man dabei in Schwierigkeiten gerät, kann man sich immer noch von Big Foot retten lassen oder den smarten jungen Bullen abschleppen, auf den auch Eric ein Auge geworfen hat. Was nicht heissen soll, dass die Titelheldin ein hilfloses Mädel wäre, im Gegenteil: Pru ist ziemlich taff und damit wie geschaffen für ihren neuen Job, hat sie doch selbst eine Menge Verletzungen und Einsamkeit zu verdauen. Eine grosse Klappe kann da helfen, sich nicht unterkriegen zu lassen.Code Pru ist so ziemlich das Durchgeknallteste, was ich in den letzten Monaten an Comics gelesen habe. Beim Stöbern angesprochen hatten mich zunächst die extrem guten s/w-Zeichnungen von Raulo Cácere und die schräge Grundidee. Doch dass mich ein schieres Feuerwerk abgefahrener Einfälle und unheimlich pointierten schwarzen Humors erwarten würde, dazu glaubwürdige und moderne Figuren mit Tiefgang, hätte ich höchstens ahnen können, wenn mir der Name des Szenaristen Garth Ennis was gesagt hätte. Der schuf nämlich die Comicvorlage zur Amazon-Serie Preacher, die, in ihrer Setzung ähnlich bizarr, mich ausgewiesenen TV-Muffel ziemlich ausdauernd vor der Glotze halten konnte. Seltenheitswert! Ennis erzählt CP episodenhaft, beinahe wie eine Cartoonserie. Handlungsbögen und rote Fäden sind subkutan erkennbar (so gibt es auch einen Typen im Hintergrund, der den Umgang mit den Monstern vom Krankenhauskeller aus koordiniert), aber am Schluss bleiben doch ziemlich viele lose Enden übrig. Was auf eine Fortsetzung hoffen lässt, die aber (auch in USA) leider noch nicht in Sicht ist. Übrigens vereint die deutsche Ausgabe, bei Dantes erschienen, die zwei bisher erschienenen Einzelbände des Originals in einem liebevoll ausgestatteten Hardcover mit ausführlichen Notizen zur Übersetzung, das mit 29 Euro zwar nicht geschenkt, aber jeden Cent wert ist.
Vor einigen Monaten las ich aus der gleichen Reihe The Vast. Das war zwar ebenfalls toll gezeichnet, reicht aber von der Story her nicht annähernd an Code Pru heran.
Freitag, 12. März 2021
Lucky & Lonesome
Sonntag, 28. Februar 2021
Individualität im Stresstest - Inhuman von Bajran/Mangin/Rochebrune
Nicht Mensch - bereits in der Eingangssequenz zur jüngst erschienenen deutschen Ausgabe der SF-Graphicnovel Inhumain wird klar, dass die Mannschaft des Erkundungsschiffes aufgeschmissen wäre ohne Ellis, ihre androidische Begleiterin. Denn irgendwas auf dem Ozeanplanten, auf dem das Raumfahrzeug havariert, sendet noch während des Absturzes bewusstseinsveränderndes Mind Control in die Köpfe der kleinen Besatzung, die ihr Unglück und ihre wundersame Rettung durch freundliche Tentakelwesen als reine Poesie empfindet. Nur ein Robo-Kopf, der für soviel romantischen Überschwang per se unempfänglich ist, kann da rational und somit die letzte Hoffnung einer freien Menschheit bleiben.
Das Titelbild des großformatigen Hardcovers (bei Splitter) zeigt bereits, wie sich die Romantik im Fortgang des Szenarios fortsetzt: Kraftvolle und freundliche Eingeborene heißen die Raumfahrer in einer Art Südseeparadies willkommen. Dass bei soviel Idylle etwas nicht stimmen kann, zeigt sich schon, als der Kollege, der es leider nicht überlebt hat, rituell im Kochtopf endet. Kannibalen also! Um das Klischee abzurunden, müssten die Ankömmlinge nur noch als Götter verehrt werden... Genau das aber passiert nicht. Ferngelenkt wie auf Drogen in der exakten Einhaltung ihres Tagesablaufs, der aus Arbeiten, Essen und Fortpfanzung besteht, weil der große Hüter das so will. Nachforschungen ergeben, dass das vulkanische Atoll eine Unterwelt hat, in der weitere Völker leben und ebenso stumpf den Pflichten nachgehen, die jener große Hüter ihnen auferlegt hat, damit das komplexe Räderwerk einer gigantischen Maschine aufrecht erhalten wird, die dieses Inselchen nämlich eigentlich ist. Nur wozu? Wer ist der große Hüter? Und warum verfällt ein Crewmitglied nach dem nächsten bereitwillig der unerklärlichen Gehirnwäsche, die die Menschen hier - anscheinend vor Generationen havarierte Erdlinge - so hartnäckig entmenschlicht? Ellis (der Name ist sicher kein Zufall) muss tief in das Wunderland der Insel-Unterwelt hinabsteigen, bis sie auf Widerständler und den Kern des Geheimnisses trifft, dass diesem höllischen System zugrunde liegt. Thibaud de Rochebrune fängt diesen Trip in atemberaubenden Panels und einer hypnotischen Farbdramaturgie ein; Denis Bajram und Valérie Mangin als Szenarist/innen erzählen eher eine philosophische Fabel als ein Weltraumabenteuer. Die Frage, die Inhuman uns stellt, ist angesichts der aktuellen Pandemie auch nicht wohlfeil, sondern wird dieser Tage heftig diskutiert: Individuelle Selbstentfaltung ist es nämlich laut Ellis, der Robofrau, was den Menschen zum Menschen macht, nicht die Unterordnung unter ein allgemeines Ziel. Das gilt auch (und vor allem) dann, wenn dieses Ziel von einer (manipulierten) Mehrheit als sinnvoll erachtet wird und der Eigensinn nur duch Ausgrenzung und Schmerz aufrecht erhalten werden kann. Mag das im westlichen Denken unseres Jahrhunderts bis vor wenigen Monaten noch Konsens und somit trivial gewesen sein, lässt der Blick auf die unterschiedlichen Strategien, das Corona-Virus zu bekämpfen, auch kollektivistische Lebensweisen in einem anderen Licht erscheinen. Kurioserweise könnte im März 2021 auch ein Querdenkender auf seiner Hygienedemo mit diesem Comicband herumwedeln. Das war bei Veröffentlichung des französischen Originals sicher noch nicht absehbar. Ich aber bin begeistert von soviel Aktualität und Zündstoff angesichts einer Debatte, eines öffentlichen Ringens um freiheitliche Werte, das uns dank kommender globaler Krisen noch lange beschäftigen wird.
Zu meckern bliebe vielleicht, dass Mangin und Bajran das Geheimnis um den großen Hüter viel zu vollständig und formal leider etwas konventionell auflösen. Auch hängt hier und da eine Wortwahl, ein Dialog etwas schief, was aber auch der Übersetzung geschuldet sein mag. Geschenkt. Auf ihrer Reise in den Untergrund löst die künstliche Haut von Androidin Ellis sich mehr und mehr auf. Was darunter sichtbar wird, sind weder Hydraulik noch Glasfaserkabel, sondern menschliche Muskulatur wie aus dem Anatonmiebuch. Eine rätselhafte Metapher in einer rätselhaften, gut erzählten Geschichte.Dienstag, 9. Februar 2021
Something Is Killing The Children Vol. II
Diese Monster haben nicht einen Funken Disney in sich. Sie sind so kompromißlos abstoßend, daß Zeichner Werther Dell'Edera sich nur mit groben Strichen, fast wie mit den fettigschwarzen Wachsmalern aus der Kindergartenzeit, an ihre Darstellung traut. Als hätte der Schöpfer reale Angst, seinen Kreaturen durch Detailreichtum oder perspektivische Finessen mehr Leben einzuhauchen, als ihnen zustünde. Kolorist Miguel Muerto pimpt die teils sehr brutalen Szenen mit einem stechenden Rot. Das Blut, das in SIKTC geblutet wird, fügt sich in keine Gesamtästhetik. Oder mit einem Satz: Was hier passiert, ist nicht normal.
Im vergangenen Dezember berichtete ich über den ersten Band der taufrischen Horrorserie, dass mich die Geschichte um Erica Slaughter inhaltlich nicht gerade jubeln lasse, ich die Comics in ihrer gestalterischen Umsetzung aber hochspannend fände. An Letzterem hat sich nach der Lektüre des zweiten Bandes (der amerikanischen Originalausgabe im Softcover, das deutsche Hardcover aus dem Hause SPLITTER läßt noch auf sich warten) nichts geändert, aber auch inhaltlich kommt das Ding allmählich in die Hufe. Monsterjägerin Erica ist also das talentierte Problemkind eines Ordens, der die Monsterplage bereits seit Jahrhunderten in Schach hält. Erwachsene können die bösen Biester in den Wäldern nicht sehen, aber wenn ihre Kinder verschwinden und getötet werden, tragen letztlich sie die Schuld. Denn generiert werden die spinnenähnlichen Kinderfresser aus der Angst der Erwachsenen. Wie genau das passiert, und welche Ängste das im Einzelnen sind, bleibt noch in der Andeutung, im graugesichtigen Sarkasmus der alleinerziehenden Mutter etwa oder in der Unbeholfenheit des Direktors bei der Leichenschau in der High School von Archer's Peak. In dieser Gemengelage ist Erica ziemlich taff, ziemlich ironiefrei, einzelgängerisch und wortkarg. Im Grunde ein Rolemodel für mißverstandene Teenager, und so gibt Boom!Studios das empfohlene Lesealter auch mit 13+ an. Die Handlung setzt zwar eher auf Atmosphäre und Dialog als auf treibendes Plotting, hat aber dennoch genug inneren Zug, um diese Altergruppe bei der Stange zu halten. Ebenso wie mich. Vol. III, das die Einzelhefte 11-15 zusammenfassen wird (und auch hoffentlich wieder eine so geile, überwiegend von Gastzeichner*innen gestaltete Covergalerie beinhaltet!), ist für Juni 2021 angekündigt
Freitag, 4. Dezember 2020
Scheitern Und Verstehen ...
... lautet der Titel eines Albums einer recht bekannten Punkkapelle mit beknacktem Namen, deren Herz zwar politisch und menschlich an der richtigen Stelle schlägt, mit der ich musikalisch trotz wiederholter Versuche aber nicht recht warm werden will. Doch er bringt perfekt das Feeling zweier Taschenbücher unter einen Hut, die ich gestern gleichzeitig zuende gelesen habe und die unterschiedlicher nicht sein könnten: Den Punkroman SCHEITERNHAUFEN von Jonny Bauer (Salon Alter Hammer 2017) und Vol.1 des Ami-Teen-Splatter-Comics SOMETHING IS KILLING THE CHILDREN (englischsprachige Originalausgabe 2020 bei BOOM!Studios)
Letztgenanntes Druckerzeugnis ist momentan ziemlich heißer Scheiß in der Comicszene, die deutsche Übersetzung ist ebenfalls jüngst bei Splitter erschienen. Allerdings ist dort Band 2 noch nicht einmal angekündigt, im Original läßt sich die Serie schon weiterlesen - da fiel die Kaufentscheidung leicht. SIKTC Vol 1 enthält die ersten 5 Einzelhefte (September 2019 bis Januar 2020) einer aus dem Stand enorm erfolgreichen Teen-Horror-Serie des namhaften, aber noch recht jungen Verlags BOOM!. Das Cover der Zweitauflage ist bereits mit einem Hinweis auf die Eisner-Award-Nominierung 2020 verunstaltet, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn die Filmrechte auf die Story um die coole Monsterjägerin Erica Slaughter nicht schon sehr bald über den Verhandlungstisch an Netflix, Apple, Sony oder sonst einen großen Player gehen würden. Logo, daß das martialische Gesichtstuch der Heldin schon als Corona-Mundnasenschutz zu kaufen ist - schon Band 2 faßt die Hefte zusammen, die bereits in Coronazeiten erschienen sind.
Teen Horror also. Das Feuilleton hebt die klischeefreie Figurenzeichnung hervor. Ich frage mich ernsthaft, warum. Weil ein PoC-Schuldirektor öffentlich Zweifel eingesteht und ein gemobbter Schüler homosexuell ist? Wenn das schon reicht... Erica jedenfalls ist so etwas wie ein maulfaules Pedant zu Buffy - genauso hüsch, genauso cool. Etwas mehr Gerald-von-Riva-Markigkeit umgibt die trainierte Emo-Blondine. Andeutungen auf einen verborgenen Zirkel von Monsterjägern und ein geisterhafter Freund, versteckt in einem abgegriffenen Stofftier plus die abgekaute Mär, daß halt nur Kinder die Monster in den Wäldern sehen können... zum Gähnen eigentlich. Wenn nicht - ja wenn SIKTC nicht so unfaßbar geil gezeichnet wäre. Mit groben Strichen, manchmal beinahe hingerotzt wirkenden Skizzen erzeugt Zeichner Werther Dell'edera eine atmosphärische Tiefe, die wirklich wirklich Lust macht auf den Folgeband, der definitiv auf meinem Weihnachtswunschzettel steht. Rough und traurig.
Wie die Ramones. Was für ein Übergang. Scheiternhaufen allerdings sieht nicht nur independent aus, sondern hat mit Salon Alter Hammer aus Duisburch auch einen Verlag/Label hinter sich, der tatsächlich ziemlich kredibil ist. Und weil ich dieses - ja, tatsächlich - Meisterstück von Jonny Bauer nicht besser zusammenfassen könnte, als der Buchrücken es tut, hier das Zitat: "Buenos Aires, 1996: Die Ramones spielen vor 60.000 Fans eines ihrer letzten Konzerte. Deutsche Provinz, 2008: Eine Ramones-Imitationsband, in
Badelatschen auf Psychopharmaka, bricht auf, um auf den Spuren der
wahren Ramones Argentinien zu erobern. Mit dabei: Ein Filmteam, begeistert von der Idee des Wahnsinns
und in der Überzeugung, dass nichts schiefgehen kann. Selbst Paul,
zweifelnder Optimist, glaubt an die gemeinsame Sache, irgendwie." Natürlich geht alles mögliche schief. Im Grunde endet die Mission, die Ramones am Ort eines ihrer größten Triumphe wiederaufleben zu lassen, in einem Kaleidoskop von großen und kleinen Katastrophen, von denen der finanzielle Ruin der Beteiligten und ein brennender Club nur zwei sind. Ich habe für dieses schicke Buch (tolles Cover!) etwas länger gebraucht, denn die kurzen, anekdotenhaften Kapitel haben sich hervorragend geeignet, an Bushaltestellen, während Arbeitspausen und sonstigen Wartesituationen meine Zeit mit was Gescheitem anzufüllen und nicht aufs Smartphone zu glotzen. Der Freundeskreis um Paul und Kleingeld und die begleitete Ramones-Coverband aus Münster machen schließlich nichts anderes - etwas Sinnhaftes tun. Oder etwas, das sich sinnhaft genug anfühlt, um gelegentliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit ignorieren zu können. Das Sinnhafte hat keinen wirtschaftlichen Nutzen, im Gegenteil. Das Sinnhafte muß nicht gelingen. Es muß aber auch nicht alles scheitern, was zum Scheitern verurteilt scheint. Das mit der Liebe zu Gisele klappt irgendwie, und Markys Beerdigung ist dann doch noch eine echt gelungene Party. Daß sich Jonny Bauer nicht darin erschöpft, bloß witzig zu sein, um am Ende dann sentimental werden zu dürfen, unterscheidet Scheiternhaufen von vielen vergleichbaren Publikationen. Er trifft durchgehend einen lakonischen, grundehrlichen, trotzdem selbstironischen Ton, der mich ohne Ausnahme erreicht. Geil.










