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Montag, 21. Februar 2022

Wie Klein-Erica gelernt hat, was es heute braucht

Eisner-Award, ein erstes Spin-off namens House of Slaughter und eine angekündigte Netflix-Verfilmung, die laut Hollywood Reporter unter der Regie von Mike Flanigan entstehen soll: Something is killing The Children, die 2019 kurz vor Pandemieausbruch debütierte Comicserie von James Tynion IV (Text) und Werther Dell'edera (Zeichnungen), ist eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Noch beeindruckender, wenn man sich vor Augen führt, daß die Handlung zwar durchaus spannend erzählt ist, aber wenig Originelles bietet: Nur Kinder können jene gefräßigen Monster sehen, die von latenter gesellschftlicher Angst an die Ränder menschlicher Siedlungen gelockt werden. In instinktgetriebener Brutalität metzteln sie ihre menschliche Beute und verschleppen die Kleinsten in ihre Höhlen im Wald. Die Jägerinnen und Jäger dieser Kreaturen, die an Mischwesen aus Heuschrecken und Skorpione erinnern, sind ebenfalls keine Sympathieträger. In ihrem Saint-George-Geheimorden herrschen überdies rauhe Sitten.

Zu Jahresbeginn ist der vierte Sammelband erschienen, der die Einzelhefte 16 bis 20 vereint und erstmals in bester Origin-Manier die Vorgeschichte von Erica Slaughter beleuchtet, die die Leserschaft im abgeschlossenen, 15 Ausgaben umfassenden Auftakt kennenlernen durfte. Sie wird von ihrer künftigen Mentorin, im Blut sitzend, aufgefunden. Ihre Eltern und ihre beste Freundin sind tot – doch der Kadaver des Untiers, das sie auf dem Gewissen hat, geht auf ihre Rechnung. Und weil die empathielose Erica ein besonderes Talent zur Jägerin zeigt, ist sie im Orden genau richtig. Saint George will dieses blonde, scheinbar kaltblütige Mädchen unbedingt haben – die Probe zur Aufnehme in den Orden aber ist ein Spiel auf Leben und Tod...

Also alles bekannte Versatzstücke, zu teenagertauglichem Horror montiert. Wenn eine TV-Bearbeitung die eigentliche Faszination der Serie einfangen will, wird eine seichte Verfilmung á la Locke & Key zwangsläufig scheitern müssen. Denn in erster Linie sind es die Zeichnungen von James Tynion IV sowie die expressive Farbgebung von Miquel Muerto, die dem eigentümliche Reiz von SIKTC zu Grunde liegt. Zwar ohne allzu experimentell mit sämtlichen Konventionen zu brechen, sind die Episoden so rau und atemlos gezeichnet, als säßen Tynion seine Kreaturen höchstselbst im Nacken. Manchmal hastig hinschraffiert, dann großflächig blutbespritzt, verbreiten auch auch die detailreicheren Panels jederzeit einen Sog, als bliebe keine Zeit mehr: Zu groß ist die Bedrohung.

Zunächst nur als Import zu haben, ist eine deutsche Übertragung bei SPLITTER für Juni 2022 angekündigt.

 Die Vorgänger-Bände:

Bei Phantastik-News:  https://phantastiknews.de/index.php/rezensionen/21912-something-is-killing-the-children-1-bis-3-comic

1 - https://buecherbums.blogspot.com/2020/12/scheitern-und-verstehen.html

2 - https://buecherbums.blogspot.com/2021/02/something-is-killing-children-vol-ii.html

3 - https://buecherbums.blogspot.com/2021/08/grins-sommerferien.html

Sonntag, 13. Juni 2021

Beglückend: Aristophania Band 3 - Die Morgenrot-Quelle

Aus dem Bonusteil: Tuschezeichnung
SPLITTER legt im Frühjahr 2021 den dritten Band des Vierteilers Aristophania vor, dessen erste beiden Episoden ich schon äußerst stark fand. Das Szenario von Dorison bietet auch weiterhin zwar konventionelle, aber gut komponierte und atmosphäreische Fantasy-Kost. Eingebettet in die bewegte Geschichte Frankreichs im 19. Jahrhundert mit Arbeiterelend und Niederschlagung der Pariser Kommunarden, sind die Geschwister Calixte, Basile und Victor weiterhin auf der Suche nach ihrem Azur, um ihre Mutter zu retten, die unter dem Bann des dunklen Hofes im Koma vor sich hin dümpelt. Während der verklemmte Victor unter der gütig-fordernden Leitung der Gräfin nur langsam entdeckt, dass auch in ihm magische Talente schlummern, wird Basile von durchaus nachvollziehbaren Zweifeln gepackt, was Aristophanias Integrität und den Wahrheitsgehalt der gesamten Geschichte angeht.

Es ist vor allem das riesige Vergnügen, in die Bilderwelt dieses Vierteilers einzutauchen, das Aristophania für mich aus der Masse herausstechen lässt. Egal ob in Actionsequenzen oder eher poetischen Bildern, Joel Parnotte ist ein Magier der Tuschezeichnung. Stets ausdrucksstark und detailverliebt, arbeitet er ausgiebig mit klassischen Schraffurtechniken, die seinen Landschaften und Figuren neben Tiefe und Lebendigkeit auch eine ganz besondere Aura verleihen: Als sei jedes Bild noch im Entstehen und könnte schon beim nächsten Lesen ein anderes sein. Grandios! Auch die stimmige und reichhaltige Colorierung von Bruno Tatti verdient eine eigene Erwähnung.

Ein Werkstatteinblick rundet das – wie immer bei SPLITTER – wertige Gesamtbild ab und erhöht die Vorfreude auf den abschließenden Teil, Der rote Berg.

Sonntag, 28. Februar 2021

Individualität im Stresstest - Inhuman von Bajran/Mangin/Rochebrune


Nicht Mensch
- bereits in der Eingangssequenz zur jüngst erschienenen deutschen Ausgabe der SF-Graphicnovel Inhumain wird klar, dass die Mannschaft des Erkundungsschiffes aufgeschmissen wäre ohne Ellis, ihre androidische Begleiterin. Denn irgendwas auf dem Ozeanplanten, auf dem das Raumfahrzeug havariert, sendet noch während des Absturzes bewusstseinsveränderndes Mind Control in die Köpfe der kleinen Besatzung, die ihr Unglück und ihre wundersame Rettung durch freundliche Tentakelwesen als reine Poesie empfindet. Nur ein Robo-Kopf, der für soviel romantischen Überschwang per se unempfänglich ist, kann da rational und somit die letzte Hoffnung einer freien Menschheit bleiben.

Das Titelbild des großformatigen Hardcovers (bei Splitter) zeigt bereits, wie sich die Romantik im Fortgang des Szenarios fortsetzt: Kraftvolle und freundliche Eingeborene heißen die Raumfahrer in einer Art Südseeparadies willkommen. Dass bei soviel Idylle etwas nicht stimmen kann, zeigt sich schon, als der Kollege, der es leider nicht überlebt hat, rituell im Kochtopf endet. Kannibalen also! Um das Klischee abzurunden, müssten die Ankömmlinge nur noch als Götter verehrt werden... Genau das aber passiert nicht. Ferngelenkt wie auf Drogen in der exakten Einhaltung ihres Tagesablaufs, der aus Arbeiten, Essen und Fortpfanzung besteht, weil der große Hüter das so will. Nachforschungen ergeben, dass das vulkanische Atoll eine Unterwelt hat, in der weitere Völker leben und ebenso stumpf den Pflichten nachgehen, die jener große Hüter ihnen auferlegt hat, damit das komplexe Räderwerk einer gigantischen Maschine aufrecht erhalten wird, die dieses Inselchen nämlich eigentlich ist. Nur wozu? Wer ist der große Hüter? Und warum verfällt ein Crewmitglied nach dem nächsten bereitwillig der unerklärlichen Gehirnwäsche, die die Menschen hier - anscheinend vor Generationen havarierte Erdlinge - so hartnäckig entmenschlicht? Ellis (der Name ist sicher kein Zufall) muss tief in das Wunderland der Insel-Unterwelt hinabsteigen, bis sie auf Widerständler und den Kern des Geheimnisses trifft, dass diesem höllischen System zugrunde liegt. Thibaud de Rochebrune fängt diesen Trip in atemberaubenden Panels und einer hypnotischen Farbdramaturgie ein; Denis Bajram und Valérie Mangin als Szenarist/innen erzählen eher eine philosophische Fabel als ein Weltraumabenteuer. Die Frage, die Inhuman uns stellt, ist angesichts der aktuellen Pandemie auch nicht wohlfeil, sondern wird dieser Tage heftig diskutiert: Individuelle Selbstentfaltung ist es nämlich laut Ellis, der Robofrau, was den Menschen zum Menschen macht, nicht die Unterordnung unter ein allgemeines Ziel. Das gilt auch (und vor allem) dann, wenn dieses Ziel von einer (manipulierten) Mehrheit als sinnvoll erachtet wird und der Eigensinn nur duch Ausgrenzung und Schmerz aufrecht erhalten werden kann. Mag das im westlichen Denken unseres Jahrhunderts bis vor wenigen Monaten noch Konsens und somit trivial gewesen sein, lässt der Blick auf die unterschiedlichen Strategien, das Corona-Virus zu bekämpfen, auch kollektivistische Lebensweisen in einem anderen Licht erscheinen. Kurioserweise könnte im März 2021 auch ein Querdenkender auf seiner Hygienedemo mit diesem Comicband herumwedeln. Das war bei Veröffentlichung des französischen Originals sicher noch nicht absehbar. Ich aber bin begeistert von soviel Aktualität und Zündstoff angesichts einer Debatte, eines öffentlichen Ringens um freiheitliche Werte, das uns dank kommender globaler Krisen noch lange beschäftigen wird. 

Zu meckern bliebe vielleicht, dass Mangin und Bajran das Geheimnis um den großen Hüter viel zu vollständig und formal leider etwas konventionell auflösen. Auch hängt hier und da eine Wortwahl, ein Dialog etwas schief, was aber auch der Übersetzung geschuldet sein mag. Geschenkt. Auf ihrer Reise in den Untergrund löst die künstliche Haut von Androidin Ellis sich mehr und mehr auf. Was darunter sichtbar wird, sind weder Hydraulik noch Glasfaserkabel, sondern menschliche Muskulatur wie aus dem Anatonmiebuch. Eine rätselhafte Metapher in einer rätselhaften, gut erzählten Geschichte.


Montag, 22. Februar 2021

Ein bisschen muss ich seufzen bei Strangers in Paradise Bd. 3

Ach seufz. Während der Lektüre des dritten Bandes Strangers in Paradise, 2014 bei Schreiber und Leser 2014 als Sammelband auf deutsch erschienen, hat meine heisse Liebe zu Terry Moores epischer Soap ein paar Risse bekommen. Nicht so tief, dass ich die Aufholjagd zum aktuellen siebten Band abbrechen würde, dat nu nich...  Aber, ich will es kurz machen: Zu wenig Romantic und zu wenig Comedy für eine Romantic Comedy. Wo Katchoos kometenhafter Aufstieg in der Kunstwelt und Francines Probleme damit einen rasend guten Hintergrund abgegeben hätten, wo der gutmütige David und Kretin Freddy tolle Sidekicks für die komplizierte Beziehung der Beinahe-Lesbierinnen abgegeben hätten, dominiert - ich hatte es schon befürchtet -  Katchoos kriminelle Vergangenheit erneut die zweite Hälfte des Buches und ich muß mich durch eine zwar brutale, zwar gut gezeichnete, zwar mit überraschenden Wendungen gespickte Krimihandlung quälen, der es aber ebenfalls nicht an Langatmigkeit, uninteressanten Figuren und unplausiblen Situationen mangelt. Schreiber und Leser versäumt es auch in dieser Ausgabe, seine Leser/innen mit Editorischen Infos oder gar einer Covergalerie zu versorgen, was ich angesichts des Kultstatus' der Serie wirklich schwach finde. Das unterkühlte Ende ist dann aber wieder sehr ergreifend - da seufzte ich dann vor Rührung. Und war versöhnt.

Meine Leseeindrücke zu Band 1 und Band 2.


Dienstag, 9. Februar 2021

Something Is Killing The Children Vol. II

 

Diese Monster haben nicht einen Funken Disney in sich. Sie sind so kompromißlos abstoßend, daß Zeichner Werther Dell'Edera sich nur mit groben Strichen, fast wie mit den fettigschwarzen Wachsmalern aus der Kindergartenzeit, an ihre Darstellung traut. Als hätte der Schöpfer reale Angst, seinen Kreaturen durch Detailreichtum oder perspektivische Finessen mehr Leben einzuhauchen, als ihnen zustünde. Kolorist Miguel Muerto pimpt die teils sehr brutalen Szenen mit einem stechenden Rot. Das Blut, das in SIKTC geblutet wird, fügt sich in keine Gesamtästhetik. Oder mit einem Satz: Was hier passiert, ist nicht normal.

Im vergangenen Dezember berichtete ich über den ersten Band der taufrischen Horrorserie, dass mich die Geschichte um Erica Slaughter inhaltlich nicht gerade jubeln lasse, ich die Comics in ihrer gestalterischen Umsetzung aber hochspannend fände. An Letzterem hat sich nach der Lektüre des zweiten Bandes (der amerikanischen Originalausgabe im Softcover, das deutsche Hardcover aus dem Hause SPLITTER läßt noch auf sich warten)  nichts geändert, aber auch inhaltlich kommt das Ding allmählich in die Hufe. Monsterjägerin Erica ist also das talentierte Problemkind eines Ordens, der die Monsterplage bereits seit Jahrhunderten in Schach hält. Erwachsene können die bösen Biester in den Wäldern nicht sehen, aber wenn ihre Kinder verschwinden und getötet werden, tragen letztlich sie die Schuld. Denn generiert werden die spinnenähnlichen Kinderfresser aus der Angst der Erwachsenen. Wie genau das passiert, und welche Ängste das im Einzelnen sind, bleibt noch in der Andeutung, im graugesichtigen Sarkasmus der alleinerziehenden Mutter etwa oder in der Unbeholfenheit des Direktors bei der Leichenschau in der High School von Archer's Peak. In dieser Gemengelage ist Erica ziemlich taff, ziemlich ironiefrei, einzelgängerisch und wortkarg. Im Grunde ein Rolemodel für mißverstandene Teenager, und so gibt Boom!Studios das empfohlene Lesealter auch mit 13+ an. Die Handlung setzt zwar eher auf Atmosphäre und Dialog als auf treibendes Plotting, hat aber dennoch genug inneren Zug, um diese Altergruppe bei der Stange zu halten. Ebenso wie mich. Vol. III, das die Einzelhefte 11-15 zusammenfassen wird (und auch hoffentlich wieder eine so geile, überwiegend von Gastzeichner*innen gestaltete Covergalerie beinhaltet!), ist für Juni 2021 angekündigt


Freitag, 4. Dezember 2020

Scheitern Und Verstehen ...

... lautet der Titel eines Albums einer recht bekannten Punkkapelle mit beknacktem Namen, deren Herz zwar politisch und menschlich an der richtigen Stelle schlägt, mit der ich musikalisch trotz wiederholter Versuche aber nicht recht warm werden will. Doch er bringt perfekt das Feeling zweier Taschenbücher unter einen Hut, die ich gestern gleichzeitig zuende gelesen habe und die unterschiedlicher nicht sein könnten: Den Punkroman SCHEITERNHAUFEN von Jonny Bauer (Salon Alter Hammer 2017) und Vol.1 des Ami-Teen-Splatter-Comics SOMETHING IS KILLING THE CHILDREN (englischsprachige Originalausgabe 2020 bei BOOM!Studios)

Letztgenanntes Druckerzeugnis ist momentan ziemlich heißer Scheiß in der Comicszene, die deutsche Übersetzung ist ebenfalls jüngst bei Splitter erschienen. Allerdings ist dort Band 2 noch nicht einmal angekündigt, im Original läßt sich die Serie schon weiterlesen - da fiel die Kaufentscheidung leicht. SIKTC Vol 1 enthält die ersten 5 Einzelhefte (September 2019 bis Januar 2020) einer aus dem Stand enorm erfolgreichen Teen-Horror-Serie des namhaften, aber noch recht jungen Verlags BOOM!. Das Cover der Zweitauflage ist bereits mit einem Hinweis auf die Eisner-Award-Nominierung 2020 verunstaltet, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn die Filmrechte auf die Story um die coole Monsterjägerin Erica Slaughter nicht schon sehr bald über den Verhandlungstisch an Netflix, Apple, Sony oder sonst einen großen Player gehen würden. Logo, daß das martialische Gesichtstuch der Heldin schon als Corona-Mundnasenschutz zu kaufen ist - schon Band 2 faßt die Hefte zusammen, die bereits in Coronazeiten erschienen sind.

    Teen Horror also. Das Feuilleton hebt die klischeefreie Figurenzeichnung hervor. Ich frage mich ernsthaft, warum. Weil ein PoC-Schuldirektor öffentlich Zweifel eingesteht und ein gemobbter Schüler homosexuell ist? Wenn das schon reicht... Erica jedenfalls ist so etwas wie ein maulfaules Pedant zu Buffy - genauso hüsch, genauso cool. Etwas mehr Gerald-von-Riva-Markigkeit umgibt die trainierte Emo-Blondine. Andeutungen auf einen verborgenen Zirkel von Monsterjägern und ein geisterhafter Freund, versteckt in einem abgegriffenen Stofftier plus die abgekaute Mär, daß halt nur Kinder die Monster in den Wäldern sehen können... zum Gähnen eigentlich. Wenn nicht - ja wenn SIKTC nicht so unfaßbar geil gezeichnet wäre. Mit groben Strichen, manchmal beinahe hingerotzt wirkenden Skizzen erzeugt Zeichner Werther Dell'edera eine atmosphärische Tiefe, die wirklich wirklich Lust macht auf den Folgeband, der definitiv auf meinem Weihnachtswunschzettel steht. Rough und traurig. 

   Wie die Ramones. Was für ein Übergang. Scheiternhaufen allerdings sieht nicht nur independent aus, sondern hat mit Salon Alter Hammer aus Duisburch auch einen Verlag/Label hinter sich, der tatsächlich ziemlich kredibil ist. Und weil ich dieses - ja, tatsächlich - Meisterstück von Jonny Bauer nicht besser zusammenfassen könnte, als der Buchrücken es tut, hier das Zitat: "Buenos Aires, 1996: Die Ramones spielen vor 60.000 Fans eines ihrer letzten Konzerte. Deutsche Provinz, 2008: Eine Ramones-Imitationsband, in Badelatschen auf Psychopharmaka, bricht auf, um auf den Spuren der wahren Ramones Argentinien zu erobern. Mit dabei: Ein Filmteam, begeistert von der Idee des Wahnsinns und in der Überzeugung, dass nichts schiefgehen kann. Selbst Paul, zweifelnder Optimist, glaubt an die gemeinsame Sache, irgendwie." Natürlich geht alles mögliche schief. Im Grunde endet die Mission, die Ramones am Ort eines ihrer größten Triumphe wiederaufleben zu lassen, in einem Kaleidoskop von großen und kleinen Katastrophen, von denen der finanzielle Ruin der Beteiligten und ein brennender Club nur zwei sind. Ich habe für dieses schicke Buch (tolles Cover!) etwas länger gebraucht, denn die kurzen, anekdotenhaften Kapitel haben sich hervorragend geeignet, an Bushaltestellen, während Arbeitspausen und sonstigen Wartesituationen meine Zeit mit was Gescheitem anzufüllen und nicht aufs Smartphone zu glotzen. Der Freundeskreis um Paul und Kleingeld und die begleitete Ramones-Coverband aus Münster machen schließlich nichts anderes - etwas Sinnhaftes tun. Oder etwas, das sich sinnhaft genug anfühlt, um gelegentliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit ignorieren zu können. Das Sinnhafte hat keinen wirtschaftlichen Nutzen, im Gegenteil. Das Sinnhafte muß nicht gelingen. Es muß aber auch nicht alles scheitern, was zum Scheitern verurteilt scheint. Das mit der Liebe zu Gisele klappt irgendwie, und Markys Beerdigung ist dann doch noch eine echt gelungene Party. Daß sich Jonny Bauer nicht darin erschöpft, bloß witzig zu sein, um am Ende dann sentimental werden zu dürfen, unterscheidet Scheiternhaufen von vielen vergleichbaren Publikationen. Er trifft durchgehend einen lakonischen, grundehrlichen, trotzdem selbstironischen Ton, der mich ohne Ausnahme erreicht. Geil.



Dienstag, 8. September 2020

100% Vollapokalypse - Christophe Becs PROMETEUS Bände 11&12 // +13

Das Letzte, was ich der Prometheus-Reihe von Bec (Text) und Raffaele (Zeichnungen) vorwerfen würde, ist, daß sie mit der Tür ins Haus fielen. Daß die komplexe Handlung auf eine Alieninvasion hinauslaufen würde, war schon nicht von Anfang an klar, und als es dann klar wurde, haben sich die beiden, gelegentlich von anderen Zeichnern unterstützt, immer noch viele Bände Zeit gelassen. Mit Colin, Kelly Lambert oder dem US-Präsidenten gab es ein zwar eher spärliches Angebot an Identifikations- und Haßfiguren, im Wesentlichen aber wurden die vielen Handlungsstränge bis hierhin eher von atemberaubenden Bildern und Theorien getragen, die sie wie RAWs Lexikon der Verschwörungstheorien lesen. Die Spannung verdichtete sich nur sehr allmählich; langweilig war es gelegentlich auch, aber selten. In Band 11 schließlich ist es soweit: Die Außerirdischen kommen verwüsten den Planeten, und sie machen keine Gefangenen. Es läßt sich über diese Info hinaus nicht viel schreiben. Folgerichtig breiten Bec und Raffaele ihr apokalyptisches Szenario über 2 ganze Bände aus, und treiben ihr Konzept, daß die Serie wenig über die Erzählung, aber viel über das Visuelle funktioniert, beinahe bis zur Ausschließlichkeit auf die Spitze. Irre. Und absolut ungeeignet für Quereinsteiger. Wer den Atem hatte, Prometheus bis Der Dreizehnte Tag und Vorsehung zu verfolgen, wird an diesen Bänden seinen Gefallen finden - wer nicht, kann sicher wenig mit der absoluten Verzweiflung anfangen können, die ihm aus den zahlreichen, teil großformatigen Panels entgegenschreit. Ein bißchen psychische Stabilität kann jedenfalls bei der Lektüre nicht schaden. Zum Ende der Endezeitorgie hin dann immerhin ein wenig zarte Hoffnung; die lose über das Szenario verteilten Handlungssplitter fügen sich zu einem Ausblick, was uns in den kommenden Bänden wohl erwarten wird (Ausgabe 20 ist für das Frühjahr 2021 angekündigt, bis dahin hab ich aufgeholt) - Wiederaufbau, Zeitreisen, Kelly und Colin. Und vielleicht so etwas wie Kommunikation mit den extraterristischen Zerstörern? Obwohl sie mir einiges an Geduld abverlangt: Ich mag die Serie!

// UPDATE 12.10.2020 Band 13 - Kontakte // Dem 13. Band der Serie, mit dem die Herausgeber*innen gleichsam verkünden, daß hiermit der erste Zyklus endet und mit Band 14 ein neuer Zyklus beginnen wird, ist nach dem furiosen Finale der zwei Vorgänger keinen eigenen Eintrag wert. Der nette, aber im Grunde überflüssige Nachklapp erzählt, eingebettet in eine Rahmenhandlung, die ein schon bekanntes Gespräch zwischen zwei Ufo-Forscher*innen näher beleuchtet, mehrere historische Begegnungen mit jener Alien-Spezies, deren Verwüstungswerk wir just mit Zittern und Schrecken begutachten durften. Wir machen kurze Ausflüge in die Steinzeit, in den kalten Krieg, in die Zeit der Spanischen Conquistadores und in das spätmittelalterliche Nürnberg. Ganz originell, wie die bekannte Story von Kaspar Hauser noch mal einen neuen Dreh bekommt... Und schön auch, wie der Band viele Zeichner an einen Tisch bringt, die ihre unterschiedlichen Stile wie einen Flickenteppich zusammensetzen dürfen. Das ist optisch interessant, inhaltlich aber eher ein Bonbon für die Fans als ein ernstzunehmender Einzelband.
 

Dienstag, 1. September 2020

In die Magengrube: Aristophania Bd. 2

Über den Vorgänger, den Eröffnungsband des Aristophania-Vierteilers Das Reich Azur hatte ich notiert, daß es eher die Zeichnungen waren, die mich als Leser in Atem gehalten haben. Die Story war so lala - Fantasy von der Stange halt. In einem Armenviertel im Marseille der Frühindustrialilierung lebt, als einfacher Arbeiter getarnt, ein Mitglied des Hofes von Azur, einer Vereinigung von Magiern und Hexen. Im Kampf mit einem Lakaien des Dunklen Hofes um den abtrünnigen Verbannten König, wird er getötet und hinterläßt seine Frau und drei Kinder: Der sture Basile, der intelligente aber überängstliche Victor und Calixe, die mit ihren 9 Jahren gleichsam magisches Talent zu haben scheint. Das gilt es aber erst herauszufinden und ggf. zu fördern, weshalb sich die Gräfin Aristophania entgegen ernsthafter Bedenken entschließt, die Kinder auf ihrem Anwesen in der Provence aufzunehmen und auszubilden. Denn nur mit Hilfe der magischen Azur-Energie, die als eine Art Chi oder umspannender Lebensatem eingeführt wird, haben die drei eine Chance, das Leben ihrer Mutter zu retten und den Tod des Vaters zu begreifen. Und nur so kann der Hof Azur vielleicht die sagenumwobene Morgenrotquelle finden und den immer mächtiger werdenden Dunklen Hof besiegen - andernfalls wäre er früher oder später dem Untergang geweiht. Doch der Entschluß der Gräfin war, so begreifen wir zu Beginn der Fortsetzung, vielleicht eine verheerende Fehlentscheidung...
Der verbannte König bringt auch auf Ebene der Erzählung Fahrt in die Serie. Die Ereignisse werden düsterer, verwobener, bedrohlicher und werfen zahlreiche Fragen auf: Warum eignetlich wurde der König verbannt? Können wir uns wirklich sicher sein, daß Azur das Gute, der Dunkle Hof aber immer das Böse in dem Spiel ist? 
In Tonfall und Atmosphäre erinnert Der verbannte König  manchmal Neil Gaimans Niemalsland, und ebenso finster und brutal ist die Welt, die Xavier Dorison und Zeichner Joel Parnotte entwerfen. Jede Lieblichkeit täuscht, und auch die Mitglieder des Hofes Azur sind beileibe keine Sympathieträger. Die Figuren, allen voran Basile, legen deutlich an Charakter zu. Wenn ich also nun auch der Story bescheinigen muß, wesentlich interessanter geworden zu sein, so bleibt das Artwork ungebrochen sehenswert. Parnottes Bilder haben eine detailreiche Tiefe, ohne jemals überladen zu wirken, eine eigentümliche Schraffur der Linien und Schatten geben den handwerklich brillianten, einer traditionellen Bildsprache verpflichteten Panels eine unverwechselbare und - im postitiven Sinne - irritierende Note. Und da Der verbannte König uns am Ende nach einem Funken Hoffnung (Liebe, you know...) eine äußerst bittere Erkenntnis beschert, kann ich nach Abschluß meiner Lektüre kaum erwarten, wie es weitergeht. Leider veröffentlicht SPLITTER Die Morgenrot-Quelle erst im April kommenden Jahres.

Donnerstag, 30. Juli 2020

Allerleigrün: Aristophania Band 1 - Das Reich Azur

Zu Beginn dieses Jahres in deutscher Übersetzung bei SPLITTER erschienen, ist Das Reich Azur von Autor Xavier Dorison und Zeichner Joel Parnotte der erste Teil einer auf vier Bände ausgelegten Comicreihe: Aristophania. Was hat mich zugreifen lassen? Das Splitter-Regal in meinem Comic-Laden hat ja mittlerweile gigantische Ausmaße - doch das Cover war schon der erste Eyecatcher: Der Jugendstil-Schriftzug und das in geheimnisvollem Grün gehaltene Titelbild einer schwebenden Frauengestalt stachen heraus. Dorison war mir auch als Co-Autor von Christophe Becs Heiligtum und als Verfasser der erfolgreichen Reihe Undertaker (selbst aber noch nicht gelesen) ein Begriff.

Daheim las ich ein paar Artikel zum Buch und war zunächst etwas entsetzt. Von Mary-Poppins-Charme war da plötzlich die Rede... ein Fehlkauf? Zum Glück nicht. Daß eine Dame aus gutem Hause mit exellenten Manieren und guten Flugeigenschaften Kinder unter ihre Fittiche nimmt, ist dankenswerterweise die einzige Parallele zu Disneys biederem Kitschmärchen. Die Fabelwelt, der die titelgebende Gräfin entstammt, ist sehr viel komplexer, und auch wenn Dorison in diesem ersten Band nur einen winzigen Zipfel des Vorhangs lüftet, ahne ich eher eine an Neil Gaimans Niemalsland gemahnende, düstere Hintergrundgeschichte.

Der verantwortungsvolle, aber aufbrausende Basile, sein hochintelligenter aber lebensuntüchtiger kleiner Bruder Victor und die neunjährige Calixe sind Geschwister in einem Armenviertel in Marseille zur Zeit der Frühindustrialisierung. Ihr Vater kam vor einigen Jahen unter ungeklärten Umständen ums Leben - wir Leser haben aber  bereits in der Eingangsszene erfahren, daß hier ein Konflikt zwischen übersinnlichen Mächten den Hintergrund bildet. Als ihre rebellische Mutter in einem polizeilichen Willkürakt verhaftet wird, kommt eine alte Bekannte ihres Vaters ins Spiel: Die Gräfin Aristophania. Sie siedelt die Kinder aus den elendigen Marseiller Verhältnissen auf ihr Anwesen in der Provence um. Und die Provence ist auf einmal das Reich Azur. Der Begriff Azur scheint aber auch so etwas wie Lebensenergie und magisches Talent zu bezeichnen. Und Hals über Kopf finden sich die Kinder in einer Welt voller Magie und Gefahren wieder.

Auch wenn ich dem ersten Band der Reihe noch wenig Konkretes zur Handlung zu entnehmen ist, gelingt es dem Autor, Spannung und Atmosphäre aufzubauen - trotz der eher konventioneller Fantasy-Kost, die er serviert. Die tiefen, opulenten und datailverliebten Bilder Parnottes sind das eigentliche Plus des Comics. Seine entschiedene Farbgebung, seine eindringlichen Schraffuren, die differenzierte Charakterdarstellungen und seine einfache und trotzdem sehr erwachsene Bildsprache überzeugen mich sowohl im rötlich-grauen Marseille als auch in der durch vielerlei Grün verlockenden Provence auf ganzer Linie. Dieser Tage soll der Nachfolgeband Der verbannte König erscheinen, und ich werde wohl schon bald schreiben können, wie es weitergeht - die Gräfin hat mich angeködert!

Freitag, 26. Juni 2020

Der zwölfte Tag in 3 Bänden - Prometheus 8 - 10

Band 8 - Nekromanteion - startet mit einer wuchtigen Szene. Es ist 1994, in den Ruinen einer Kultstätte in der griechischen Region Epirus wird ein Junge Zeuge, wie sein Vater aus archäologischem Interesse ein archaisches Totenritual nachexerziert - und um viele Jahre gealtert zurückkehrt. Im dann folgenden Doppelband In der Dunkelheit begegnen wir ihm wieder. Als junger Mann ist er Teil jenes Teams, das durch ein Dimensionstor in das postapokalyptische Providence gereist ist, dort dem Golfer Tim Scott und den arischen Zuchtkindern begenet. Und bei der Suche nach einem Rückweg eine rettende Idee hat: Jenes Tor in Griechenland, durch das schon sein Vater geschritten war...
Derweil nimmt die Handlung von Becs manchmal uferloser, aber insgesamt doch lesens- und vor allem dank der Zeichnungen von Stefan Raffaele betrachtenswerten SciFi-Reihe Fahrt auf. Journalistin Kellie Lambert enthüllt meit einem großen Paukenschlag die Pläne einer kleinen Elite um den korrupten US-Präsidenten, der aufziehenden Alieninvasion zu entkommen, indem sie 99,9% der Bevölkerung opfert. Und die Aliens, die nicht aus dem All, sondern von der Tiefsee aus angreifen, haben sich einiges einfallen lassen. Am zwölften Tag, der das Ende der globalen Kommunikation markiert, fallen erst alle Vögel vom Himmel, dann fällt aller Strom aus, mit gravierenden Folgen. Die letzten Notstrom-Generatoren werden aus dem Krankenhäusern beschlagnahmt, Flugzeuge stürzen ab, die Welt steht still. Dagegen waren die Katastrophen der vergangenen Tage, immer zur symbolträchtigen Uhrzeit um 13:13 UTC, nur Fingerübungen der extraterrestrischen Invasoren.
Genüßlich zelebrieren Bec und Raffaele ihre Untergangsphantasie, die sich aus so ziemlich allem speiset, was Verschwörungstheorien und Pseudowissenschaften hergeben: Der Stuhl von Montauk spielt eine Rolle, das Wow!-Signal des Astophysikers Jerry Ehman, HAARP, Area 51... nur die Illuminaten kamen noch nicht vor. Das wirkt manchmal überladen und etwas spinnert, doch die Story um die Dimensionsreisen und die noch unbeantwortete Frage nach der Motivation der Invasoren hält die Bände zusammen - und vor allem die tollen Zeichnungen, die ich gar nicht überschwänglich genug loben kann. Besonders der Zeitraffer vom Beginn der (exogenetischen...) Evolution bis zur Zeitlupenerzählung des totalen Blackout im ersten Drittel von Band 10 ist die reine Freude. Der nächste Band auf meiner Leseliste ist dann auch folgerichtig Band 11: Der dreizehnte Tag. Das Ende der Welt, wie wir sie kennen, wird erwartet. Solche finalen Erzählungen nach langem Vorlauf sind ja manchmal etwas enttäuschend, aber was Prometheus angeht, bin ich guter Dinge - zumal die Reihe ja mittlerweile auf 19 Bände kommt, also genug Erzählstoff für eine postapokalyptische Zukunft hergibt. Oder eine unerwartete Wendung?

Sonntag, 7. Juni 2020

Prometheus Band 7 - Die Theorie des 100. Affen

Der siebente Band von Christophe Becs Prometheus-Reihe, erschienen im Mai 2013 und diesmal ausschließlich von Stefano Raffaele illustriert, treibt die Handlung der Reihe deutlich voran, indem Bec die zahlreichen Handlungsebenen verdichtet. Er ist viel konsumierbarer geraten als der zwar anspruchsvolle, aber auch holprige Einstieg in die Reihe, deswegen aber nicht minder spannend. Zeichnerische Höhepunkte sind unter anderem das zerstörte Rio de Janeiro und die Lemming-Reisebusse, aber auch die Begegnungen zwischen Mensch und Extraterrestrischen, bei denen es zu einer Art osmotischen Effekt kommt, der den Körpern ihr Blut entreißt, sind wieder beklemmend realistisch gezeichnet. Hier liegt in Die Theorie des 100. Affen auch der Handlungsfokus: Waren diese Begegnungen bisher für beide Seiten tödlich, haben die Aliens offenbar nun eine Methode entwickelt, zu überleben. Nach der (pseudo- bzw. parawissenschaftlichen) Theorie vom 100. Affen, welche sprunghafte Fortschritte im kollektiven Lernen einer Polpulation beschreibt, sind die Anderen den Menschen nunmehr deutlich überlegen. Aber was wollen sie? Und hat die Menschheit wirklich eine Chance zum Überleben, wie sich allmählich andeutet? Und wird es eine technische (Gegensätzliche visuelle Wahrnehmung) oder eine spirituelle (im weitesten Sinne, Prometheus beinhaltet nichts Esoterisches) sein? Und was hat es mit der postapokalyptischen Parallelwelt auf sich, was mit den Verweisen auf die griechische Myhologie?
Prometheus begeistert mich immer wieder beim Lesen, auch wenn es keine reine Liebe ist. Künstlerisch ist die Serie herausragend gut, und das Storytelling schlägt einen unerwarteten Haken nach dem anderen. Hier ist allerdings auch immer wieder zu allzu Hanebüchenes dabei, als daß ich es als Leser noch glauben könnte. Einmal umgeblättert, bin ich aber schon wieder versöhnt. Ich freue mich auf Band 8!

Samstag, 23. Mai 2020

Christophe Bec: Prometheus Bände 5/6


Halleluja! Zum 6. Band spendiert Bec, Erzähler und erster Zeichner der epischen Endzeitreihe "Prometheus" (Splitter Verlag) eine Personenübersicht und ein kurzes Was-bisher-geschah. Bei der Fülle an Handlungssträngen, Personen und mittlerweile auch Hypothesen ist das eine höchst sinnvolle Einrichtung und vielleicht auch auf Drängen des Verlegers passiert. Die Bände 5 und 6 sind im Herbst 2012 und Frühjahr 2013 in Deutschland erschienen und schildern die Ereignisse im September 2019, als an mehreren Tagen hintereinander jeweils um 13:13 merkwürdige Ereignisse und verheerende Unglücke über die Menscheit hereinbrechen: Eine Raumfähre verschwindet, alle Uhren bleiben stehen, sämtliche Flugzeuge stürzen vom Himmel, die ISS verwüstet Notre Dame (ein halbes Jahr nachdem im Real Life ein Brand die Kathedrale zerstörte), und sämtliche Träger von Herzschrittmachern sterben zeitgleich an Batterieausällen. Was steckt dahinter? Und warum? NASA-Flugdirektor Jeff Spaulding jedenfalls, eine der Ankerfiguren der Serie, schwirrt ordentlich der Kopf. Extraterrestrische Intelligenzen? Eine Angstkampgne zur Errichtung einer neuen Weltordnung unter amerikanischer Flagge, wie zahlreiche Verschwörungsmythen behaupten? - In Band 5 kommt Jeff einem Projekt Montauk  auf die Spur, bei dem der US-Geheimdienst viele hundert Tote auf dem Gewissen hat. Verstörend und grandios die Bilder, auf denen unbekleidete Leichenberge mit Gabelstaplern abtransportiert werden. Doch die Story um telepathisch Begabte, deren mentale Energie mit Hilfe einer komplizierten technischen Vorrichtung in Materie gewandelt und unter Aufsichet von Albert Einstein ganze Schiffe in Wurmlöcher schicken kann, ist schon ziemlich hanebüchen. - Um Längen stärker finde ich da "Arche", bei dem die Forschungsexpedition in das zertörte Providence einer zukünftigen Dimension dem Golfprofi Tim Scott begegnet und die Verschollenen sich anschicken, die entvölkerte Erde zu erkunden, um herauszufinden, was geschehen ist. Währenddessen rückt in unserer Zeit und Dimension die Apokalypse immer näher, die Menschen stehen den rätselhaften Phänomenen hilflos gegenüber. Zeichnerisch sind hier besonders die beiden großformatigen Bilder von Zeus' Wutgericht über die antike Welt und den leergelaufenen Maracaibo-See in Venezuela hervorzuheben. Wirklich toll, bei diesen Zeichnungen kann ich mich als Leser lange aufhalten. Ebenfalls klasse umgesetzt ist der mörderische Coup des Ex-KGBlers Andropow (der W. Putin verdammt ähnlich sieht) in einem Wohnwagenpark und das seltsame Dimensionstor, das am Kerguelen-Archipel auftaucht und am Ende des Bandes für einen amtlichen Cliffhanger sorgt. (Beim Googeln stieß ich dann noch glatt auf den Tim&Struppi-Band L'Arche Des Kerguelen und wollte den schon auf meine Wunschliste setzen - leider ein Fake😭)

Dienstag, 12. Mai 2020

Prometheus Band 4 - Prophezeihung

Oh Mann, ich war bereits kurz davor, die Serie aufzugeben, der ziemlich fiese Cliffhanger in Band 3 hat mich quasi genötigt, in den vierten Band zu schauen. Und jetzt hat sie mich...

Dabei war Prometheus 3 - Exogenesis nicht wirklich schlecht, auch die beiden Vorgänger, die die mittlerweile seit über 10 Jahren bei SPLITTER erscheinenden Endzeit-Comics (Band 20 ist für Oktober dieses Jahres angekündigt) einleiten, haben mir im Grunde gefallen. Christophe Bec ist Storyteller und erster Zeichner in Personalunion, und sein Stil ist einfach fanastisch! Schnörkellos und klar, realistisch, detailreich ohne zu verspielt zu sein. Die Lebendigkeit in manchen  Blicken kann einem schier das Herz zerreißen.

Aber die Serie läßt sich - vorsichtig formuliert - nicht zu wenig Zeit, um in die Pötte zu kommen und wenigstens anzudeuten, wie die zahlreichen losen Handlungsfäden zusammenfinden könnten. Da sind die plötzlich wieder unversehrt aufgetauchte Titanic, bizarre Funde in allen Ecken der Welt und auf dem Mond, globale Katastrophen, die sich tagtäglich um 13:13 abspielen, historische Rückblicke (Neandertaler, Spanische Eroberung Südamerikas, Weltkriege...), die überforderte Nachrichtensprecherin Kellie (als Anchorwoman auch für den Leser) und die Begegnung zwischen dem gefesselten Prometheus und Herkules. Alles erzählt in ausdrucksstarken Großzeichnungen und vielen kurzen szenischen Fragmenten. Das ist geil, aber erfordert eine gewisse Konzentration - zu oft weiß ich dann schon nicht mehr so recht, wer ist nochmal wer, wer will jetzt eigentlich nochmal was von wem? So provoziert die Prometheus-Reihe im Grunde eine neue Art des Lesens. Wegbingen lassen sich die Comics nicht, man muß immer nochmal in den Vorgängerbänden blättern und kommt damit nochmal in den Genuß der hervorragenden Illustrationen - und die Bilder in den Genuß der mehrmaligen Betrachtung, die sie auch wahrlich verdienen.

Klar ist am Schluß dieses Bandes: Es gibt offenbar seit Urzeiten eine von-Däniken-artige Beobachtung der Menschheit durch Aliens. Klar ist, daß die Katastrophen (Flugzeugabstürze, Stromausfälle etc) mit einem Countdown und wahrscheinlich feindlichen Absichten jener Wesen in Verbindung stehen. Es gibt ein Tor in eine verwüstete Erde der Zukunft. Was die griechische Götterwelt damit zu tun, erschließt sich mir wie vieles andere immer noch nicht. Als triebe wer ein böses Spiel mit der Menschheit.... Diese neue Klarheit ist immer noch bei weitem rätselhaft genug, aber war dringend nötig, um endlich in die Geschichte einzusteigen. Jetzt brenne ich auf Band 5, den ich mir auch zeitnah zu Gemüte führen werde!

(Zum Nachtrag ein schönes Detail aus Band 3: Kurz bevor die ISS auf Paris stürzt, zeichnet Bec eine großformatige Straßenszene vor Notre-Dame, ein detailreiches Wimmelbild. Das Buch wurde 2010 veröffentlicht, die Szene spielt im Spätsommer 2019. Die Kathedrale ist noch unversehrt... und was das beste ist: Keine Smartphones! Touristen mit richtigen Kameras, nur ein einsames Tastenhandy ist irgendwo zu sehen. Die Leute sehen sich gegenseitig und ihre Umgebung an, mit Augen und Aufmerksamkeit! Fast eine Utopie.😳)