Gegrinst wird gern und ausgiebig im
Groschenheft: Der Held grinst verlegen, als er sich zur Seite dreht –
hat er doch die Heldin beim Bade überrascht. (Es folgt mit 98%iger
Sicherheit eine Beschreibung ihrer i.d.R. „straffen“ Brüste.)
Der Held kloppt trotz der aussichtslosen Situation einen flotten
Spruch, begleitet von einem ungeholfenen Grinsen. Der Böse grinst
ohnehin, meist hämisch oder diabolisch. Aber auch schmierig,
schelmisch, verschwörerisch, lüstern, dämlich, trocken oder
lediglich angedeutet wird gerne mal „das Gesicht zu einem Grinsen
verzogen“, und in zweispaltig gedruckter Bahnhofsliteratur findet
das auffallend häufiger statt als bei Suhrkamp und Co. Macht seine
inhaltliche Elastizität diesen Gesichtsausdruck, unspezifisch wie er
nun mal ist, zur bei Heftromanautor/innen so beliebten Stereotype?
Sagt ein plumpes Grinsen am Ende ebenfalls mehr als tausend Worte,
gleichwie seine hübschere Schwester, das Lächeln? Das spart dann ja
auch Menge Platz im Heft.
Wie auch immer die Antwort lautet: Es
ist schon ziemlich Meta, wenn Ganoven-Heinzi in der
Kurzgeschichte Die Großen Alten würfeln nicht das im Zug
vergessene Westernheftchen einsteckt – mit einem Grinsen! Diese
kleine Inbesitznahme wird das Leben des Kleinkriminellen verändern,
und wer Das Vexier von Vettseiffen gelesen hat, weiß auch, in
welche bizarre Richtung die Lebensreise nun geht.
Die Großen Alten würfeln nicht von Ina Elbracht ist
nicht der einzige Höhepunkt der zweiten Ausgabe von Cthulhu
Libria Neo, einem ansehnlich
dicken Weird-Fiction-Magazin bei BLITZ mit
Anspruch und Vorgeschichte. Dem Schwerpunktthema Horror in
Eisenbahnen gewidmet, erreicht zwar nicht jede Story das gleiche
erzählerische Niveau, aber auch Der Ingenieur
von Amalia B. Edwards und Die wahren Hintergründe des
Unglücks am Gare Montparnasse
von Markus Müller sind ziemlich gelungen. Eher trashig, das aber
beeindruckend konsequent und daher ebenfalls extrem unterhaltsam ist
Christopher Müllers Höllenzug.
Fast interessanter als die meisten Shorts sind aber die Sachtexte,
allen voran ein Betrachtung zu einem historischen Eisenbahnunglück,
an dem Charles Dickens beteiligt war. Geschrieben hat diese spannende
Analyse Thorsten Scheib, der ja auch gelegentlich ne Leserstory zur
Heftromanserie meines Vertrauens raushaut. Auch Silke Brandt bin ich
dankbar für den ausführlichen Einblick in das Schaffen von Stefan
Grabinski, einem Autor, den ich
bisher noch nicht auf dem Radar hatte, der sich aber wirklich
interessant ausnimmt. Ganz schön üppig ist das Teil, und u.a. von
Herausgeber Jörg Kleudtgen liebevoll illustriert. Da bin ich
geneigt, die etwas zu häufigen Fehler im Drucksatz zu übersehen.
Ich kreide dem Magazin aber dennoch an, dass es sich zu sehr im
Nostalgischen suhlt, statt seine Tentakel auch mal in den
Eisenbahnhorror der Gegenwart auszustrecken. Da gibt es doch sicher
noch mehr Schröckliches zu entdecken als bloß Unpünktlichkeit und
die Preise im Bordbistro. A propos, beruflich zog es mich zu Beginn
der Sommerferien noch auf nen Abstecher in die Hauptstadt, und ich
habe von meinem Urlaubsort aus (Nähe Nürnberg) alle Anschlüsse
bekommen und auch sonst nix an der Deutschen Bahn AG zu meckern!
Dafür hatte ich in
Berlin jede Menge Zeit, die ich als Puffer für die schon
schicksalsergeben erwartete Verspätung eingeplant hatte. Wie sie
totschlagen? Erfreulicherweise veranstaltete ein Comicladen in
Kreuzberg eine Signierstunde mit Ralf König, die wunderbar in mein
Zeitfenster passte. Seine Lucky-Luke-Hommage „Zarter Schmelz“
erschien just an jenem Wochenende, ist mega-mega-lustig und ich
besitze ausserdem jetzt ein schönes Hardcover mit persönlicher
Windmung, das mir die Rückfahrt über beste Laune bereitet hat.
Comics also habe ich auch einige
gelesen, Liste siehe unten. Dieser Sommer sollte aber vornehmlich der
Sommer der kurzen Form sein, so mein Vorhaben. Grund waren zahlreiche
Bände mit Short Stories, die sich, ungelesen oder nur kurz
durchgeblättert, neben meinem Kopfkissen zu einem mahnenden Turm
angehäuft hatten und ihre Aufmerksamkeit fordeten. Teils
druckfrisch, teils antiquarisch erworben. Doch ehe ich nach der
Lektüre von Horror in Einsenbahnen dieses
Vorhaben mit der unglaublich guten Mini-Novelle Klub
Tropikal, ebenfalls von Ina
Elbracht, fortsetzen konnte, schoben sich doch noch kackfrech zwei
Romane dazwischen. Wetter war ja beschissen genug zum Viellesen.
Das
150-Seiten-Gedankenspiel Die nackten Wilden
von Michael Lorenz aus dem Jahre 1982 und Chuck Palahniuks
Romanerstling Fratze,
im Original Invisible Monsters
von 1999. Palahniuk ist mit der Romanvorlage zu Fight Club
mit Brad Pitt und Edward Norton in den Hauptrollen bekannt geworden,
meiner Meinung nach einer der großartigesten Filme, die ich
überhaupt je gesehen habe. Die Folgeromane Der Simulant
und Flug 2039, die ich
im Nachgang gelesen hatte, habe ich zwar als ganz okay in Erinnerung,
sie konnten aber meiner Begeisterung für den Autor keine zusätzliche
Nahrung geben. Die Mängelexemplar-Bücherschütte im KODI offerierte
mir nun pünktlich zum Sommeranfang Fratze
für läppische 1,99 Euro. Ich kann mir nicht genug für diesen
Impulskauf Schulter klopfen, das Teil ist wirklich klasse! Zwar hat
Palahniuk als übereifriger Debütant das Ende des Romans mit einem
Twist zuviel überfrachtet, das schmälert Gesamterlebnis aber kaum.
Die Story um das Ex-Model Shannon mit dem weggeballerten Gesicht ist
eine brutal komische Anti-Heldenreise. Es geht dabei irgendwie, sehr
amerikanisch, um Selbstwerdung, Selbstverwirklichung und
Selbstentwurf. Doch all das so verdreht, so böse und lustvoll
zynisch, dass die altbekannte Geschichte in Palahniuks Zerrspiegel
menschlicher und anrührender erscheint als vieles andere, das
menschlich und anrührend sein will. „Was ich tun muss – einen so
großen Scheiß bauen, dass ich mich nicht mehr retten kann,“ sagt
Shannon. Und das tut sie dann auch. Furios! Dagegen hatte es Michael
Lorenz mit seinem etwas angestaubten Gedankenexperiment natürlich
schwer, anzustinken. Aber auch Die nackten Wilden
war immerhin nett zu lesen, wenngleich seine Motive (friedliche
Naturmenschen vs destruktives abendländisches Denken) auch in einem
auf SF gepimpten Setting nicht gerade taufrisch daherkommen.
Bemerkenswert immerhin, wie ernsthaft sich die deutsche Science
Fiction der 80er an den Ökologiethemen der Zukunft abarbeitet, die
jetzt, 30 Jahre später, Gegenwart werden. In diesem Sommer, in aller
Brutalität, und das nicht nur in fernen Ländern.
Ein weiteres gutes
Beispiel dafür ist da Arcane, das Helmut Wenske und Wolfgang
Jeschke für das legendäre Hyene Science Fiction Label herausgaben
und einige Autoren (gendern hier überflüssig) der Autoren der
versammeln, um inspiriert von den surrealistischen Collagen des
US-Künstlers Harry O. Morris jr., Erzählungen beizutragen. Man
merkt dem dystopischen Buch die Zeit des kalten Krieges, die Zeit der
ersten Warnungen vor einem Klimakollaps deutlich an. Vielleicht ist
exakt in dieser Zeit der Bruch von einer positiv-utopistischen hin zu
einer besorgt in die Zukunft blickenden SF zu suchen, wie sie heute
nahezu die Regel ist. Indes: Gut die Hälfte von Arcane steht
aber noch aus, und auch von Ray Bradburys Der illustrierte Mann
(1951) habe ich nicht alles lesen können. Die Stories der
Sammlung sind überwiegend gut gealtert, Der lange Regen und das
melancholische Der Raumfahrer sind auch 70 Jahre später noch wahre
Sahnestücke. Und aus dem Grossen Buch der Erotischen Phantastik,
1984 bei Bastei Lübbe erschienen, habe ich gar nur eine Erzählung
geschafft. Die aber hat es in sich: Der Spanner von Harlan
Ellison findet zwar aussschließlich in der Psyche zweier
Menschen statt, erzählt aber so beklemmend und brutal von sexueller
Ausbeutung und Rache, dass mir die Spucke weggeblieben ist. Eine
Edition von Ellisons Short Stories steht bereits seit längerem auf
meinem Wunschzettel, jetzt ist sie fällig!
Die drei
Fabelhaften Geschichten von J.R.R. Tolkien verbreiten übrigens
deutlich bessere Laune. Das dünne, phantasievoll illustrierte
Taschenbüchlein bietet mit Bauer Giles von Ham ein
zauberhaftes Kunstmärchen voller Witz und Poesie, überaus britisch
erzählt. Giles von Ham schließt Bekanntschaft mit einem
Drachen und wird schließlich König, das hat nicht annähernd die
überladene Wucht vom Herrn der Ringe und erinnert in seinen
geschmeidigsten Momenten an Oscar Wilde. Der Schmied von
Großholzingen fängt ähnlich sophisticated an, mündet aber in
einem assoziativen, schwer zu entwirrenden Traumgespinst, während
Blatt von Tüftler eher eine Satire auf den Kunstbetrieb sein
könnte. Hab ich sehr sehr gern gelesen, das Buch.
Auch kurz, aber
non-fiction: Der – hm, Essay-Band Ein bisschen schlechter
von Michel Houllebcq, topaktuell auf den Bestsellerlisten und eine
vom Dumont-Verlag aufgeblasene Sammlung von Interviews und kurzen
Textchen aus verschiedenen Zeitschriften und Austellungskatalogen,
die Essays zu nennen ich schon reichlich vermessen finde.
Indes: Der melancholisch-zynische Sound des Kettenrauchers macht
immer wieder Spaß (sic!) zu lesen, und die titelgebende Betrachtung
über die Auswirkungen der Pandemie auf unser gesellschaftliches
Leben ist wirklich bitter und von gewohnter Qualität. Houllebecq
begegnet den transformatorischen Erwartungen mit einem nüchternen:
„Im Gegenteil, alles wird genauso bleiben wie es war. (…) Wir
werden nach der Ausgangssperre nicht in einer neuen Welt erwachen; es
wird dieselbe sein, nur ein bisschen schlechter.“ Wir haben die
Utopien, die wir verdienen, und die Vereinsamung schreitet voran.
Ein (überraschend)
melancholischer Grundton durchzieht auch die Novelle Klub Tropikal
von Ina Elbracht. Oder nistet dieser Sound bloss in meinem inneren
Ohr, ist ein Nachhall von Houllebecq, dessen Tourismusroman Plattform
mich seinerzeit (15 Jahre ist das sicher her...) aufs Heftigeste
beeindruckt hat? In Klub Tropikal geht es ebenfalls um einen
Touristenort. Irgendwo in der struppigen Hitze einer griechischen
Insel hat die Protagonistin dieser wundersamen Erzählung
Familienangelegenheiten zu erledigen: Vaters letzer Wille war es, die
Pacht einer Grabstätte zu verlängern. Eine Formalie, die man sich
doch mit ein wenig Familienurlaub versüßen kann – bis die Geister
einer rätselhaften Vergangenheit sich Bahn brechen, sich Mann und
Tochter auf merkwürdige Weise entfremden und die verdrehte Zeit
(oder der Wahnsinn?) wie ein langsamer, aber beharrlicher Mahlstrom
aus Treibsand das Mittelmeeridyll in eine sanfte Hölle verwandelt.
Ina Elbracht hängt die unterschiedlichsten Bilder und Motive in ein
empfindliches Mobilé und bläst behutsam hinein, das Ergebnis ist
ein beinahe unglaublicher Tanz aus klassischer Gruselgeschichte,
Groteske und Formexperiment. Whams Dritthit Club Tropicana
findet darin ebenso einen Platz wie ein Märchenwald –
bezaubernd! Ich habe zwar nur das ebook gelesen, aber schon hier läßt sich ersehen, wie liebevoll und sinnfällig das Büchlein (im KOVD-Verlag erschienen) ausgestattet und -gestattet ist. Ich werde es wohl jemandem schenken müssen, um es mal physisch durchblättern zu können. Im Zweifel mir selbst... ;-)
Und mit einem ambivalenten Grinsen verabschiede ich mich von einem Sommer, der nicht gerade abenteuerreich und außerdem ziemlich verregnet war. Aber mein Haus ist nicht abgesoffen, der Wald nebenan nicht verbrannt, ich bin nicht an der Delta-Variante erkrankt und keine religiösen Terroristen haben meine Nachbarschaft eingenommen. Mal gucken, was der Rest des Jahres noch so bringt.
Sommercomics:
Ralf König, Zarter Schmelz – Lucky Luke weidet lila Kühe
und verteidigt gemeinsam mit Calamity Jane die Rechte von
LGBTQ+-Personen, hier: Steckrüben. Sehr zeitgemäß und
tierisch lustig. / Christophe Bec & Stefano Raffaele:
Prometheus 14 &15 – Die verlorenen Seelen & Das Dorf.
Nach längerer Atempause starte ich den zweiten Zyklus der
überladen-aber-geilen Endzeit-Opera. Die Zivilisation liegt in
Trümmern, doch ein paar Figuren aus Zyklus 1 haben das
Alien-Armageddon überlebt. Man bildet Gemeinschaften, forscht, sucht
Antworten. Wir Leser sind zwar mit den Hintergründen vertraut, doch
alles wissen wir auch noch nicht. Die Zeichnungen sind wie immer eine
Wucht, tief und detailreich. / Weissblech-Comics: Hammerharte
Horror-Schocker #60 und Luba Wolfsschwanz #1 – Levin Kurio
ist immer die erste Adresse, wenn es um die Sorte Comic-Trash geht,
den Bastei schon lange nicht mehr verlegen mag. Invasion der
Monster-Zecken von The Lep ist eine unverschämt witzige
Parodie auf die Neue Normalität unserer Tage, und die vier
Geschichten um die Tochter der Tundra und ihre Begleiterin
sind ein Sex-und-Gewalt-Vergnügen ersten Ranges, das ich unbedingt
weiterverfolgen werde. / Loisel, Peter Pan 1 (London) & 2
(Die Insel) – Eine späte Entdeckung dank Antiquariat! Der
Zustand der Alben ist zwar etwas ranzig, aber ich hab auch nur 4 Euro
bezahlt. Ein grandioser Zeichner, eine grandiose Serie, die ich
sicher in naher Zukunft komplettieren und mich hernach ausführlich
darüber auslassen werde. Blut und Brüste, adults only, diese
Vorgeschichte zu den allseits bekannten jugendfreieren Ereignissen um
den Jungen, der nicht erwachsen werden wollte. / Sowie Something
ist Killing the Children Vol 3, .auf
Englisch schon zu haben. Dieser Band schließt einen ersten Kreis der
Geschichte um Monsterjägerin Erica Slaughter und der sinistren
Familie, deren Teil sie ist. Die Netflix-Verfilmung ist für Winter
2022 angekündigt, der Erfolg ist vorprogrammiert.
Ach
so, und 3 Bände meiner Heftchenserie wären auch noch zu begackern.
Hab ich per Leserbrief erledigt und reiche den nach, sobald er
dort abgedruckt wird.